Mehr als Werbesoundtrack Achtung, gefährliche Musik!

Gunther Reinhardt, 16.08.2012 13:31 Uhr

Der größte Skandal der Olympischen Spiele in London war nicht die Ruderin, die Sex mit einem Nazi hat, die Fechterin mit ihrem Sitzstreik auf der Blanche, das Versagen der deutschen Schwimmstars oder die gedopte Kugelstoßerin. Nein, der größte Skandal war ein Song, den Regisseur Danny Boyle bei der Eröffnungsfeier drei Sekunden lang durchs Olympiastadion dröhnen ließ. Zumindest hätte er es sein müssen. Wenn Popmusik noch irgendetwas bedeuten würde.

Die Queen hatte gerade in der Ehrenloge Platz genommen, da wurde zum munteren Treiben in der Stadionlandschaft der Sex-Pistols-Klassiker „God Save The Queen“ eingespielt – ein Song, der 1977 eine Nation aus der Fassung brachte und von der BBC auf den Index gesetzt wurde. Die Punkrocknummer ist eine Schimpf­tirade auf den britischen Staat, und als die Sex Pistols sie 1977 auf der Themse aufführten, während die Queen gerade ihr Kronjubiläum feierte, enterte die Polizei schleunigst das Ausflugsboot. 2012 regt sich niemand mehr auf. Selbst die Queen amüsiert sich prächtig.

Wladimir Putin ist dagegen überhaupt nicht erfreut über eine Gruppe eher zahm aussehender junger russischer Frauen. Diese nennen sich Pussy Riot und haben es tatsächlich geschafft, mit einer schrillen Punkrockshow in der Moskauer Kathedrale dem Staat und der Kirche so viel Angst einzujagend, dass man sie vor Gericht gestellt hat und ihnen mit bis zu sieben Jahren Gefängnis droht. So pervers dieser Schauprozess in Moskau erscheint, so führt er doch vor, dass man in Russland Popkultur prinzipiell gesellschaftliche Relevanz zubilligt. Sie dann allerdings gleich viel zu ernst nimmt.

Es wäre doch schön, wenn nicht alles egal wäre

Wenn sich die russische Starballerina Anastassija Wolotschkowa über die Pussy-­Riot-Aktion ereifert, „Sie haben das wegen billiger Eigenwerbung gemacht und nicht für das Wohl des ­Landes“, liegt sie wahrscheinlich gar nicht so falsch. Wer bei Shows wie der von Pussy Riot mehr als knallige Slogans und pro­vokante Selbstinszenierungen erwartet, gar konstruktive Kritik einfordert, verwechselt Punk mit Parlamentarismus, Popkultur mit Politik. So viel Rowdytum, Radikalität, Kunstperformance wie beim Pussy-Riot-Spektakel in der Moskauer Erlöserkathedrale muss ein Staat, muss eine Religion aushalten können. Dass man sich über diese frechen Frauen in bunten Skimasken empört ist nicht verkehrt, dass man sie einsperren will, dagegen schon

Ein bisschen mehr Empörung, ein bisschen mehr Ernsthaftigkeitsvermutung täte dagegen dem Rest der Welt im Umgang mit der Popmusik gut. Es wäre doch schön, wenn nicht alles egal wäre. Doch wie im Fall der Olympia-Eröffnungsfeier in London, bei der der Sex-Pistols-Song einfach nach der Textzeile „God save the queen“ (Gott schütze die Königin) ausgeblendet und so dem Publikum die Zeile „the fascist regime“ (das faschistische Regime) erspart wurde, versteht es die Unterhaltungsindustrie stets vortrefflich, alles Unbequeme auszublenden, zu entschärfen, zu negieren. Musik, die einst der Soundtrack einer Rebellion war und für freiheitliche Werte einstand, wird zur ­Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Nicht nur die Sex Pistols wurden Opfer der Verwertungsketten der Unterhaltungsindustrie

Man hat fast den Eindruck, dass sich all die Popstars, die nun ihre Solidarität mit Pussy Riot verkünden, ein bisschen neidisch sind, auf die große Bedeutung, die der Aktion der Russinnen, die bereits Ikonen einer neuen Protestkultur sind, beigemessen wird. Die Zeiten, in denen Madonna, Sting, Udo Lindenberg oder Nina Hagen mit ihren Auftritten für so viel Aufsehen gesorgt haben, sind jedenfalls schon sehr lange her. Provokationen im Pop finden heute meistens noch in der Entblößung, in Obszönitäten oder in der Gewaltprotzerei des Gangster-Rap statt, die eigentlich auch schon lange keiner mehr ernst nimmt.

Nicht nur die Sex Pistols sind Opfer der Verwertungsketten der Unterhaltungsindustrie geworden. Auch Bands wie Green Day, Die Ärzte oder Die Toten Hosen, die sich auf die Punktradition berufen, sind inzwischen massenkompatibel, konsensfähig. Und selbst The Clash, die so etwas wie das gute Gewissen des Punk darstellten, wurden mehrfach missbraucht, mussten gegen ihren Willen mitansehen, wie ihr Song „Should I Stay Or Should I Go“ mal für Jeanshosen, mal für Mobiltelefone, mal für Hustensaft, mal für Mittelklassewagen Reklame machte. Dass Adam Yauch (MCA) in seinem Testament verboten hat, dass jemals ein Song der Beastie Boys für Reklamezwecke verwendet wird, macht deshalb nur noch deutlicher, welch großer Verlust sein Tod für eine um Ernsthaftigkeit bemühte Popkultur ist.

Während die Pussy-Riot-Mitglieder ­in Moskau hinter Gittern auf das Urteil warten, das an diesem Freitag verkündet werden soll, ist Beth Ditto, die sich wie die Russinnen ursprünglich als Riot-Grrrl, als Ikone einer feministischen Protestkultur, verstand, von Karl Lagerfeld zum übergewichtigen ­Modepüppchen gemacht worden. Doch auch in Moskau wird schon eifrig der nächste Ausverkauf der Rock’n’Roll -Revolte vorbereitet: Der „Playboy“ hat bei Pussy-Riot-Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa angefragt, ob sie sich für ihn ausziehen würde.

 
 
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