Stuttgart - Sie stürzen sich in Arbeit, füllen die innere Leere mit Alkohol oder sind ständig gereizt. Beim vermeintlich starken Geschlecht äußern sich Depressionen anders als bei Frauen. Michael Blumenstein etwa rastete bei nichtigen Anlässen aus. "Ständig war da diese Gereiztheit. Dazu hatte ich Magenprobleme, obwohl organisch alles in Ordnung war", erzählt der 44-Jährige im Klinikum Wahrendorff, der ersten Tagesklinik für depressive Männer nahe Hannover.

Den Jobverlust hatte Blumenstein scheinbar weggesteckt; er kümmerte sich um die heute sechs und vier Jahre alten Söhne. Bei den Jungen wurde dann ein Gendefekt festgestellt, der ältere erkrankte zudem an Leukämie. "Nach außen war ich der Fröhliche. Aber irgendwann hielt die Maske nicht mehr." Über seinen Zusammenbruch spricht Blumenstein jetzt täglich mit Leidensgenossen in der vor wenigen Monaten eingerichteten Tagesklinik für depressive Männer, einem bundesweit einzigartigen Projekt.

Schulungsprogramme für Hausärzte

Die 20- bis 50-Jährigen werden hier nach einem speziellen psychotherapeutischen Ansatz behandelt. Viel Raum nimmt das Stresstoleranz-Training ein. "Was mache ich, wenn ich eine hohe Anspannung in mir habe, ohne auszuticken, ohne Alkohol zu trinken oder über die Autobahn zu rasen?", erläutert Chefarzt Michael Hettich.

Erst seit einigen Jahren beschäftigen sich Forscher mit der Frage, warum Frauen zwei- bis dreimal häufiger an Depressionen erkranken, Männer aber mindestens dreimal so oft Suizid begehen. "Männer versuchen Depressionen lang zu unterdrücken, dann wird es schnell lebensgefährlich", sagt der Depressionsforscher Mathias Berger vom Freiburger Universitätsklinikum. In einer Studie erkannten Hausärzte Depressionen bei Männern in nur 20 Prozent der Fälle, bei Frauen in 40 Prozent.

Die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG) entwickelt mittlerweile Schulungsprogramme für Hausärzte, um auf gefährdete Männer aufmerksam zu werden. "Leider musste die deutsche Männerwelt erst durch den Tod von Torhüter Robert Enke aufgerüttelt werden", sagt DGMG-Präsident Frank Sommer, der auch Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist.

Mann oder Weichei?

Schwermütige Männer schieben ihre Aggression oder ihre Niedergeschlagenheit oft auf beruflichen Stress. "Ich habe nur noch für die Firma funktioniert", berichtet ein Patient der Wahrendorffer Tagesklinik, der seinen Namen lieber verschweigt. Nach einem abgebrochenen Studium war der heute 50-Jährige in einer Spedition eingestiegen. "Meine Tage sahen alle gleich aus: Ich bin um vier Uhr aufgestanden, habe nach zwölf Stunden Arbeit abends viel Bier getrunken und bin ins Bett gefallen." Im Frühjahr raste er dann mit dem Auto auf gerader Straße gegen einen Baum und lag neun Tage im Koma. "Den Kollegen gegenüber spreche ich von Burn-out, nicht von Depression", sagt er.

Obwohl psychische Erkrankungen inzwischen den Spitzenplatz bei den Krankschreibungstagen einnehmen, verschweigen Betroffene sie oft aus Scham. Das gilt besonders für männliche Patienten. "Männer definieren sich als unabhängig, selbstbewusst, aktiv und rational. Sich fertig und ausgelaugt zu fühlen passt nicht dazu", sagt Hettich. Auch Michael Blumenstein machte die Erfahrung, dass seine Depression nicht ernstgenommen wurde.

Der Schwiegervater meinte, er solle sich zusammenreißen. Die Kumpel fragten: "Bist du Mann oder Weichei?" Trotz aller Vorurteile hat Blumenstein sich entschlossen, mit der Krankheit offen umzugehen. "Mein Traum ist es, wieder einen Job als Einzelhandelskaufmann zu finden", sagt er. "In den Krabbelgruppen kam ich mir unter all den Frauen immer wie ein Alien vor."

 
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