Lust auf Leben Trotz Krebs: Hoffen aufs Wunschkind
Daniela Eichert, 20.02.2012 14:47 UhrStuttgart – Jetzt hatte ihre Freundin den Satz ausgesprochen und ihn wohl sofort wieder bereut. Denn sie schaut stumm auf die Straße. Konzentriert sich auf den dichten Feierabendverkehr. Johanna Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist ihr nicht böse deswegen. Was sagt man auch in solch einer Situation? Wahrscheinlich wollte ihre Freundin einfach nur die bleierne Stille durchbrechen, die sich im Wagen aufgebaut hat wie eine Wand, die keine Nähe zulässt. Unbedacht. Einfach so dahingesagt. Doch nun hallt es wider und wider in ihrem Kopf: „Ihr könnt' doch auch ein Kind adoptieren.“ Von der Rückbank schiebt sich die Hand ihres Mannes nach vorne und streichelt ihr über die Schulter. Johanna Schmidt drückt sie dankbar. Ihren Blick hat sie aber weiter ins undurchdringliche Dunkel neben der Bundesstraße gerichtet. Die Tränen rinnen der jungen Frau über die Wangen. Lautlos. Endlich. Den ganzen Tag über wurden sie zurückgedrängt von einem unsichtbaren Wall an Informationen, die auf sie niederprasselten wie eiskalte Hagelkörner. Bis sie ganz taub war vor Schmerz und nichts mehr fühlte, sondern nur noch funktionierte.
Seit wenigen Stunden hat die 35-Jährige nun Gewissheit. Die Ergebnisse der Biopsie hatten den Verdacht bestätigt, der sich aus den Röntgenaufnahmen und dem Ultraschall ergab. Sie hat Krebs. Mammakarzinom. Früh erkannt. Zum Glück. Seit Wochen hat sie ihn schon gespürt, diesen Knoten in der Brust. Doch sie redete sich ein, dass da nichts ist. Eine Zyste vielleicht. Völlig harmlos. Johanna Schmidt ist keine, die wegen jedem Zipperlein gleich zum Arzt rennt. Sie schiebt den Gedanken beiseite wie eine ihrer widerspenstigen blonden Locken, die ihr schmales Gesicht mit den vielen Sommersprossen einrahmen. Die Stuttgarterin möchte sich ganz auf ihre bevorstehende Hochzeit konzentrieren. Nichts soll ihr die Freude auf das Fest verderben.
Es wird ein wunderschöner Tag. Als Johanna Schmidt und ihr Mann Marc (Name von der Redaktion geändert) sich spät am Abend auf ihr Sofa kuscheln, spüren sie eine tiefe Dankbarkeit in sich. Dafür, dass alles so gut läuft mit ihren Familien, in ihren Jobs und mit ihnen beiden. „Ich hab‘ an diesem Abend zu meinem Mann gesagt, dass wir so unverschämt viel Glück haben, das kann doch nicht sein. Da kriegt man richtig Muffe, dass man bald was auf den Deckel bekommt.“
Zwei Wochen nach der Hochzeit die Diagnose: Brustkrebs
Im Nachhinein erscheint Johanna Schmidt das wie eine Vorahnung. Doch ausmalen, welche Lawine durch die Krebsdiagnose zwei Wochen nach ihrer Hochzeit ins Rollen gebracht wird, konnte sie sich freilich nicht. Die Ärzte in der Tübinger Universitätsfrauenklinik reden nicht um den heißen Brei herum. „Das fand ich gut. Mit so einer Weichspülertaktik, bei der ich erst nach und nach erfahre, was Sache ist, hätte ich nichts anfangen können.“ Gleich beim ersten Gespräch im Krankenhaus erzählen die Schmidts von ihrem Kinderwunsch. „Den werden Sie sich wohl kaum noch erfüllen können“, lautet die niederschmetternde Antwort. Danach folgt die schweigsame Heimfahrt mit dem Auto nach Stuttgart und der verhängnisvolle Satz von Johannas Freundin.
Zuhause bricht die 35-Jährige, die bis dahin alle Untersuchungen klaglos über sich ergehen ließ und versuchte, dem „beschissenen Krebs“, wie sie sagt, mit Galgenhumor die Tour zu vermießen, heulend zusammen. „Ich wollte doch so gerne sehen, wie etwas aus uns beiden entsteht“, sagt sie schluchzend zu ihrem Mann.
Für Marc Schmidt beginnt eine schwierige Gratwanderung. Die Sorge um seine Frau bringt ihn schier um. Er will, dass sie wieder gesund wird. Wenn das geht. Der Gedanke an ein Kind scheint ihm jetzt so weit weg wie der Mond. Vor allem dann, wenn eine Schwangerschaft das Leben seiner Frau gefährden könnte. „Gleichzeitig habe ich aber gespürt, dass wir für Johannas Psyche alles tun müssen. Damit sie mit einem guten Gefühl in die Behandlung gehen und kämpfen kann.“ Die Schmidts haben Glück. In der Universitätsfrauenklinik Tübingen sind die einzelnen Fachbereiche eng miteinander vernetzt. Nachdem feststeht, dass Johanna Schmidt nach der Operation eine Chemo- sowie eine Antihormontherapie machen muss, wird ihr ein Termin in dem zur Universitätsfrauenklinik gehörenden Kinderwunschzentrum vermittelt. Die leitende Oberärztin für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Barbara Lawrenz, klärt sie über die Chancen und Risiken auf, sich trotz der Chemotherapie, die die Eizellen zerstören und somit zur Unfruchtbarkeit führen kann, später ihren Kinderwunsch zu erfüllen. „Mir platzte fast der Kopf, von all den Fragen, die darin kreisten“, erzählt Johanna Schmidt. „Doch mit der ruhigen und dennoch nichts beschönigenden Art von Dr. Lawrenz kehrte etwas Ruhe in den Wirbelsturm ein.“
Weil Johanna Schmidts Tumor auf Östrogene anspricht, die ihm Nahrung geben und somit zum Wachsen bringen können, wurden bei ihr nach der Chemotherapie die Eierstöcke mit Medikamenten in eine Art Winterschlaf versetzt, wie es Dr. Lawrenz ausdrückt. Die Ärztin ist im Leitungsteam des 2006 von dem Reproduktionsspezialisten Professor Michael von Wolff und dem Biologen Professor Markus Montag gegründeten Netzwerks „Fertiprotekt“. Rund 70 Kliniken und Kinderwunschzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind hier zusammengeschlossen. In Stuttgart gehört das Krankenhaus Bad Cannstatt neben zwei privaten Einrichtungen zum Netzwerk. „Das bedeutet geballtes, vielfach potenziertes Wissen rund um den Schutz der Fruchtbarkeit bei Frauen und Männern mit einer Krebserkrankung“, sagt Johanna Schmidt. „Dass sich Spezialisten bei Fertiprotekt regelmäßig über die neuesten Erkenntnisse zum Thema austauschen und mit vereinten Kräften forschen, hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“
Die Idee zur Gründung des Netzwerks kam den Medizinern auch deshalb, weil immer mehr Frauen im gebärfähigen Alter an Krebs erkranken. Rund 17.000 junge Krebspatientinnen sind es laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe jährlich in Deutschland. „Dass die Überlebensrate bei einer Krebserkrankung steigt und die Frauen immer später mit der Familienplanung beginnen, lässt die Nachfrage nach fruchtbarkeitsschützenden Maßnahmen steigen“, erklärt Dr. Lawrenz. Allein im Jahr 2010 sind innerhalb des Netzwerks „Fertiprotekt“ 539 Frauen behandelt worden. Die Stimulation mit Hormonen und die anschließende Entnahme und Kryokonservierung von unbefruchteten und befruchteten Eizellen vor der Chemotherapie wird dabei am meisten angewandt. „Das ist das Standardverfahren der normalen Kinderwunschtherapie, weshalb wir hierbei auch die meisten Erfolge erzielen“, erklärt Dr. Lawrenz. Immerhin eine 20-prozentige Chance auf eine Schwangerschaft bestehe bei jeder Reimplantation der aufgetauten Eizellen in die Gebärmutter.
- Trotz Krebs: Hoffen aufs Wunschkind
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