Liederhalle Loreena und die Lorelei
Björn Springorum, 12.04.2012 15:41 Uhr
Foto: Promo
Es ist eine ungewöhnliche Schar, die sich am Mittwoch vor der Liederhalle versammelt: Unter Menschen in Abendgarderobe mischen sich Esoteriker, Irland-Dauerurlauber, Althippies und düster geschminkte Vertreter der Gothic-Zunft. Wenn Loreena McKennitt ruft, kommen sie alle – und finden seltene Eintracht in ihren Klängen zwischen Celtic Folk, Weltmusik und Rock.
Heute will man sich auf die keltischen Klänge konzentrieren. Dies zumindest verkündet die Grande Dame des Folk den über 1 000 Gästen, nachdem sie ihre Band allein beginnen ließ und dann zum melancholischen „Bonny Portmore“ auf die Bühne geschritten ist. Gehüllt in ein lila Samtkleid und umrahmt von acht Musikern, strahlt sie diese ihr eigene Mischung aus Ruhe und Energie aus, singt mit durchdringender Stimme mal zur Harfe, mal zum Piano, mal zum ein wenig deplatziert an ihr wirkenden Akkordeon. Heimliche Hauptdarstellerin des Abends wird jedoch die bezaubernde Cellistin Caroline Lavelle bleiben, die ihr Instrument mehr liebkost als spielt und Versonnenheit ausstrahlt.
Charisma hat die 55-jährige Hauptakteurin natürlich auch. Sie erzählt Geschichten, wiegt sich im heimeligen Wechselspiel aus Harfe, Drehleier und Geige und steuert den ersten Akt mit „The Bonny Swans“ in ein rockiges Finale. Dramatisch rötliches Licht inklusive. Was zuvor noch etwas bemüht wirkte, erscheint im zweiten Akt wie verwandelt: Mit „The Wind That Shakes The Barley“ beginnt man ahnungsvoll, „Santiago“ lässt wenig später alle Dämme brechen und zeigt zum ersten Mal, zu was Frau McKennitt samt Band fähig ist: Eine furiose Nummer, gekrönt von einem unglaublichen Geigensolo.
Selbst die dramaturgisch perfekte Crescendo bei „The Old Ways“ kann das nicht übertreffen – ebenso wenig die ruhig gehaltene Zugabe. Egal: Nach Verstummen von „The Parting Glass“ ist der Saal auf den Beinen, um einer großen Künstlerin Respekt zu zollen. Die dankt es auf ihre Weise: Mit Heinrich Heines „Die Lorelei“. Bezaubernd.




