Lahr Sikh-Religion seit Massaker im Fokus

Mark Alexander, 09.08.2012 09:05 Uhr

Lahr - Seit dem Massaker in den USA steht die Sikh-Religion im Fokus der Medien. Viele Menschen wissen aber kaum etwas darüber. Balwant Baria aus Lahr möchte das ändern – und Vorurteilen vorbeugen. Sein Ziel ist eine Sikh-Gemeinde in Südbaden.

Vor vier Jahren hatte Balwant Baria Besuch aus der Heimat. Ein Cousin aus Indien war zu Gast in Lahr. Zur Fasnachtszeit saß Baria mit ihm in einem Lahrer Restaurant. Der Mann trug einen Turban. "Guck mal, ein Taliban", schallte es vom Nebentisch herüber. Baria ersparte es sich damals, die offensichtlich angetrunkenen Jugendlichen zu belehren.

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Doch nun ist das Thema aktueller denn je. Im US-Bundesstaat Wisconsin hat ein Attentäter in einem Sikh-Tempel sieben Menschen getötet. Fremdenhass wird als Motiv genannt. "Die Leute denken, wir seien Muslime", las Baria in der Zeitung. Er musste handeln.

"Streit zwischen Religionen entsteht oft durch Unwissenheit", sagt der 64-Jährige mit dem grauen Bart. Er hat sich viel mit religiösen Theorien beschäftigt. Die Sikh-Lehre besage: "Alle Religionen sind richtig und führen zu Gott."

In Lahr war Baria bislang meist ohne Turban zu sehen. Er kommt aus dem Bundesstaat Punjab in Nordindien. Dort hat er Jura studiert und sich zum Priester ausbilden lassen. Mit 24 Jahren zog es ihn nach Europa, seit 1977 ist er in Lahr.

"Ich habe mich angepasst", sagt er. In jungen Jahren trug er lange Haare und Turban. In Europa wählte er westliche Kleidung, heiratete eine deutsche Frau, arbeitete 30 Jahre in einer Lahrer Firma, kümmerte sich um die Zukunft seiner Kinder. Ab und an trank er auch einmal einen Schluck Alkohol. Die strengen Vorschriften der Sikh-Lehre verbieten das.

Vom Glauben hat ihn das nicht abgebracht. Baria wollte Erfahrungen sammeln. Er wollte etwas sehen von der Welt. 73 Länder hat er schon bereist, viele Schriften über Geschichte und Religion hat er studiert. "Ich habe den Glauben weitergelebt, nur ohne Bart", sagt er und lächelt. Und er hat sich einen Traum bewahrt. "Wenn ich Rentner bin, werde ich wieder Sikh. Zu 100 Prozent."

Jetzt, mit 64 Jahren, lässt er sich die Haare und den Bart wieder wachsen. Alkohol ist tabu. Noch fällt das Binden des Turban schwer. Die Haare sind zu kurz, "obwohl ich sie seit vielen Monaten nicht geschnitten habe."

"Das sieht aus wie ein Taliban." Als er kürzlich vor seinem Steuerberater stand, hörte er den ungeliebten Satz schon wieder. "Du musst die Bevölkerung informieren", war er sich sicher. Sein Ziel: eine Sikh-Gemeinde aufbauen.

Schon vor Jahren spielte er mit diesem Gedanken. In Lahr sei ein Sikh-Tempel aber wenig sinnvoll. "Hier gibt es keine Sikh. Ich bin der einzige", sagt der bärtige Mann. Die nächsten Tempel seien in Mannheim oder Stuttgart zu finden. Mittlerweile kennt Baria aber Glaubensgenossen aus Freiburg oder auch Straßburg. "Etwa 200 Sikhs gibt es in Südbaden", schätzt er. Jetzt, als Rentner, habe er etwas mehr Zeit, um die Pläne für einen Tempel zu konkretisieren. Auch wenn er immer noch in einem Lahrer Modegeschäft und als Dolmetscher arbeitet und möglichst oft die Verwandtschaft in Indien besucht.

Singh bedeutet im Deutschen Löwe. Als Ausdruck der Gleichberechtigung tragen alle männlichen Sikh diesen Namen. Er stand auch im Pass von Baria. Erst als er heiratete, änderte sich das. Seine Frau wollte den Familiennamen annehmen. "Vielleicht werde ich den Namen jetzt noch einmal ändern", sagt der 64-Jährige.

 
 
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