Baden-Baden - Ein „traditionsreiches Haus“. Man sagt das gerne und leicht. Wohl wissend, welches Gewicht damit verbunden ist. Ein „traditionsreiches Haus“ – das ist die Kunsthalle Baden-Baden. Spätestens seit Klaus Gallwitz’ Ausstellungsfolge „14 x 14“. Von 1968 bis 1973 gab die Reihe für jeweils 14 Tage Einblick in aktuelles Kunstschaffen, und das Publikum erlebte spätere Kunstheroen wie Georg Baselitz, Christian Boltanski, Anselm Kiefer, Imi Knöbel oder Dieter Krieg als Suchende auf einem noch nicht geklärten Weg.

Was ist heute möglich an diesem Ort? ­Johan Holten, seit April 2011 Direktor der Kunsthalle, verschärft die Fragestellung noch: „Was ist“, so skizziert der 37-Jährige den ­Ausgangspunkt seiner Arbeit, „die Legitimation der Kunsthalle?“. „Ein Teil des ­öffentlichen Mandats einer staatlichen Kunsthalle“, sagt Holten weiter, „besteht darin, einem vorhandenen Bedarf an ­solchen Bildern und Symbolen zu ent­sprechen, die in Wechselwirkung zu zivilgesellschaftlichen Prozessen stehen.“

Die Kunsthalle Baden-Baden, im allgemeinen Bewusstsein eher verankert als Ort repräsentativer Ausstellungen im besten Sinn als Ort der aktuellen Diskussion? „Bilderbedarf. Braucht Gesellschaft Kunst?“ hieß eine am vergangenen Sonntag zu Ende gegangene Themenausstellung, deren umfassendes Begleitprogramm der Kunsthalle über drei Monate Werkstattcharakter gab. Als doppelbödig ­erwies sich die Schau selbst – „viele ­Menschen“, sagt Holten unserer Zeitung, „haben in der Ausstellung Lieblingswerke vergangener Jahrzehnte wieder und neu entdeckt.“ Zugleich sahen sie – beginnend mit Gerhard Richters „Onkel Rudi“ von 1968 – Werke, für die sich eine gesellschaftliche Wirkung nachweisen lässt. So Christoph Schlingensiefs Aktion „Ausländer raus!“ im Jahr 2000 in Wien. Schlingensief ließ nahe der Staatsoper ein Containerdorf errichten. Nach dem Vorbild von TV-Shows wie „Big Brother“ wurden dort untergebrachte Asyl­bewerber durch das Publikum aus der Unterkunft gewählt und aus Österreich ausgewiesen. Die inszenierte Realität brachte die reale Politik der damaligen Regierungskoalition der konservativen ÖVP mit der von Jörg Haider angeführten rechtspopulistischen FPÖ in ­Bedrängnis.

„Dieser Standort lebt von Gegensätzen“

In diesem Herbst soll „Bilderbedarf“ eine Fortsetzung finden – und dann stärker auch die Verhältnisse in Baden-Baden selbst thematisieren. „Wir werden mit Performances auch in der Cité präsent sein“, sagt Johan Holten. Die Cité – das ist das ehemalige französische Kasernenareal am Ausgang des Oostals. Holtens Ziel: „Wir wollen neue Publikumskreise für unsere Arbeit, für die Kunst an sich interessieren.“ In einer Stadt, die, wie Holten sagt, „geteilt“ ist – in das gutbürgerliche und kulturvertraute Zentrum und die Außen­bereiche.

Gibt es auch deshalb den vordergründig größtmöglichen Bruch mit „Bilderbedarf“, wenn in der Kunsthalle Baden-Baden am 8. März eine Schau mit Musikerporträts der New Yorker Malerin Elizabeth Peyton eröffnet wird? Holten lacht. „Dieser Standort lebt von Gegensätzen“, sagt er und benennt zugleich die Frage „Was kann mit Malerei gesagt werden?“ als eigentliches Thema der Ausstellung. Seit mehr als 20 Jahren zeichnet und malt Peyton Musikerinnen und Musikerinnen bei der Arbeit – in jenem Moment, so Holten, „in dem ihre Kunst entsteht“. Von David Bowie bis zu dem gefeierten Tenor Jonas Kaufmann reicht die lange Porträtreihe Peytons – und dass die Malerin nun erstmals überhaupt dieses ­Panorama als solches auf einen Ausstellungsblick sichtbar werden lässt, verdankt sich auch der Bühnenvergangenheit von Holten als ehemaliger Tänzer in der Kompanie von John ­Neumeier in Hamburg. Sieht Elizabeth Peyton in Johan Holten einen Geistes­verwandten? Dem Kunsthallen­chef ist anderes wichtiger: „Wir zeigen auch die Fotos, die vielen von Peytons Zeichnungen und Bildern vorausgehen“, sagt er. So verkehrt sich die leicht unterstellbare große Show in den Blick in eine Künstlerwerkstatt.

Gegenwelten zu entwickeln, kennzeichnete schon Johan Holtens Arbeit als ­Direktor des Heidelberger Kunstvereins von 2006 bis 2011. Dort folgte dem Auftakt mit einer ortsbezogenen Arbeit und Aktion des Künstlerduos Dellbrügge/de Moll das Projekt „Politische Wahrheiten“ – und die Gefahr, mit den Werken von elf internationalen Gegenwartskünstlern in den Analyse-Mainstream zu geraten. Das Risiko lohnte sich, wie auch der Versuch, in 100 Tagen 100 Videos zu zeigen und damit bewusst oder unbewusst an die ­Documenta-Träume eines „Museums der 100 Tage“ anzuschließen. Und – mancher hätte wohl gerne die erste institutionelle Schau des britischen ­Aktions- und Konzeptkünstlers Simon Starling auf seine Fahnen geschrieben – Holten ­realisierte die Schau so un­aufgeregt, wie er ­zuvor Privatgalerien im Kunstverein ­gastieren ließ.

Kunst, das ist die Botschaft der Arbeit des in Baden-Baden mit dem Sensationserfolg der Themenschau „Geschmack“ gestarteten Johan Holten, ist jetzt und verlangt entsprechend immer neue Annäherung. „Aktuell“, sagt Holten, „geht es vielen Künstlerinnen und Künstlern um die Sichtbarkeit von Gesellschaftsteilen, die nicht im Fokus sind.“ Die „Macht der Machtlosen“ wird entsprechend Thema der Erweiterung des Themas „Bilderbedarf“ in diesem Herbst sein. Von 9. März an aber dominiert eine andere Radikalität die Kunsthalle Baden-Baden: Elizabeth Peytons Blick auf den Augenblick der größten Verletzlichkeit von Musikerinnen und Musikern – den Schritt ins Scheinwerferlicht.