Kreis Calw/Stuttgart Hesse-Bahn: Fronten bleiben verhärtet

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Bahnaktivisten und Vertreter des gegen die Hesse-Bahn klagenden Nabu trafen bei der Demonstration in Stuttgart aufeinander. Der Ton war freundlich, der grundlegende Dissens in der Sache blieb. Foto: Buckenmaier

Kreis Calw/Stuttgart - "Seit über 100 Jahren aktiv für Mensch und Natur" steht auf der Fahne des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Bei der Frage, ob die Hermann-Hesse-Bahn reaktiviert werden kann, geben die Naturschützer dem Schutz der Tiere Vorrang vor den Interessen des Menschen. Das hat gestern Bahnaktivisten auf den Plan gerufen.

Es hatte einen Hauch von Karneval. Mitglieder der Bürgeraktion "Unsere Schwarzwaldbahn" schlüpften gestern Nachmittag in der Tübinger Straße in Stuttgart, direkt vor der Nabu-Landesgeschäftsstelle, in Tierkostüme. Die Botschaft, die bei dieser Aktion rüberkommen sollte: Nicht nur die Fledermäuse, die zu schützen der Nabu auf seine Fahnen geschrieben hat, seien gefährdet, sondern auch Tiere des Waldes wie Fuchs, Hase, Igel und Frosch, die auf der Straße nach Calw überfahren würden, wenn die Bahn nicht komme. "Nur die Würde der Mopsfledermaus ist unantastbar", postulierten die Bahnaktivisten mit Ironie das neue "Nabu-Grundgesetz."

Der Aufruf zur Demo verhallte indes nahezu ungehört. Die gut 20 Hesse-Bahn-Befürworter, vornehmlich aus Stuttgart und dem Landkreis Böblingen kommend, blieben bei ihrer Aktion weitestgehend allein. Neben dem frischgebackenen AfD-Landtagsabgeordneten Klaus Dürr verirrte sich aus dem Kreis Calw nur FDP-Kreisrat Karl Braun in die Tübinger Straße und wunderte sich: "Ich dachte, da wär’ mehr los."

Der Nabu-Landesvorstand war vorbereitet und begrüßte die fröstelenden Demonstranten mit einem warmen Punsch. Vorbeugend hatten die Naturschützer, kaum dass der Demo-Aufruf öffentlich gemacht worden war, die Presse eingeladen, um die erwarteten Vorwürfe der Bahnbefürworter umgehend zu kontern. Für Hans-Peter Kleemann, stellvertretender Landeschef, steht mit dem 50-Millionen-Projekt eine der wichtigsten Fledermauspopulationen in Baden-Württemberg auf dem Spiel. Die Versuche des Kreises Calw, für die in den alten Tunneln lebenden Tiere Ausweichquartiere zu finden, hält er nicht für überzeugend. Die mehreren Dutzend Stollen und Unterkünfte, die als Ausweichquartiere vorgeschlagen worden seien, wären "keine Lösung: Da ist nichts unter einem Kilometer nah."

Die Fledermäuse könnten eben nicht wie Fische von einem Teich in den anderen umgesetzt werden und bräuchten viel Zeit, um ein neues Quartier anzunehmen. Kleemann ist überzeugt: "Die Tiere werden getötet, wenn die Bahnlinie so wie geplant in Betrieb genommen wird."

Es sei Aufgabe des Landkreises, Lösungen aufzuzeigen – und nicht des Nabu, konstatierte der stellvertretende Landesvorsitzende, und hatte gleichwohl Alternativvorschläge parat: Eine Option sei für ihn, auf der Bahnstrecke ein selbstfahrendes Bussystem zu installieren, wie er es aus der australischen Metropole Sydney kenne. Die Sinnhaftigkeit des ganzes Projektes sieht Kleemann ohnedies infrage gestellt, weil heute schon der Zubringerbus von Calw zur S-Bahn "nicht überlastet" sei: "Ich sehe den Bedarf nicht."

Und dass der Umstieg von kalkuliert täglich mehr als 2000 Autofahrern auf die Hesse-Bahn zu einer spürbaren Reduzierung des Verkehrs führen würde, sei auch nicht in Stein gemeißelt. Die Erfahrung – wie in einem vergleichbaren Fall in Backnang – zeige vielmehr, dass "noch mehr gefahren wird."

Im Übrigen sei man mit der Kulturbahn über Pforzheim fast so schnell in Stuttgart wie mit der geplanten Hesse-Bahn: "Die Zeitersparnis beträgt nur zehn Minuten."

Und wenn man doch den beschlossenen Stufenplan umsetzen und das Stuttgarter S-Bahnnetz bis Calw verlängern wolle, müsse eben parallel zu dem Tunnel mit den großen Fledermauspopulationen ein neuer Tunnel gebaut werden. Dass die Hesse-Bahn bei einer solchen zusätzlichen Investition von rund 20 Millionen Euro nicht mehr rentabel wäre, wischte Kleemann bei der Pressekonferenz vom Tisch: "Artenschutz ist keine Frage der Rentabilität."

Man habe zwar mit den Befürwortern der Bahn bereits ein freundliches Gespräch geführt, an dem grundlegenden Dissens habe sich aber nichts geändert. Der stellvertretende Landesvorsitzende ist der festen Überzeugung: "Wir haben recht." Jetzt müssten eben die Gerichte entscheiden.

 
 

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