Konkurrenz bei Friseuren Kopfgeld schon ab 10 Euro
Sabine Klotzbücher, 19.08.2012 08:12 Uhr
Haarschnitt ist nicht gleich Haarschnitt: Die Leistungsumfänge differieren.Foto: dapd
Stuttgart - Bei Friseuren ist es ähnlich wie bei Fluglinien. Billiganbieter beschränken sich auf die Grundleistung und ziehen den traditionell geführten Salons einen Teil der Kundschaft ab.
Adelheid A. ist 80 Jahre und legt großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Seit vor einigen Jahren in ihrem Einkaufszentrum die Filiale einer Billig-Friseurkette eröffnet hat, lässt sie sich dort die Haare schneiden. Die Pensionärin ist begeistert: „Das kostet keine 20 Euro. Und wenn ich mir die Haare selbst föhne, wird’s noch günstiger.“ Es kümmert sie überhaupt nicht, dass sie keine festen Termine vereinbaren kann, oft warten muss, bis sie an der Reihe ist, und jedes Mal von anderen bedient wird.
Adelheid A.s Tochter Ellen würde es nicht im Traum einfallen, sich in einem solchen Betrieb die Haare richten zu lassen. Sie ist Stammkundin in einem trendigen Salon in der Innenstadt, der regelmäßig durch Auszeichnungen auf sich aufmerksam macht. Ein Friseur, sagt sie, sei ähnlich dem Frauenarzt eine Person des Vertrauens. „Der Meister kennt mich, der Schnitt passt zu mir, die Produkte sind hochwertig“, zählt sie auf. Mehr noch. „Und wenn ich Hunger habe, holt mir ein Kollege sogar einen Salat vom Imbiss nebenan.“ Das ist ihr 60 Euro für den Haarschnitt wert, eine Kopfmassage inklusive. Einmal ist sie zum Discounter gegangen, als in ihrem Salon kein Termin frei war. Die „Fließbandarbeit“ stieß sie ab. Den Rest gaben ihr dann Berichte über Lohndumping bei den Discountern.
Färben, Wellen, Maniküre: Je nach Leistung kann ein Friseurbesuch 100 Euro locker überschreiten. Weil sich das nicht jeder leisten kann oder möchte, hat sich die Branche in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. „Billigketten und Kleinstbetriebe haben einen Verdrängungswettbewerb in Gang gesetzt, der vor allem den traditionell geführten Unternehmen schadet“, fasst es Matthias Moser, Geschäftsführer des Fachverbands Friseur und Kosmetik Baden-Württemberg, zusammen. Zahlen über den Schwund gibt es nicht. Binnen eines Jahrzehnts ist die Zahl der Betriebe von 63.000 auf 80.000 sogar gewachsen. Das heißt: „Der Kuchen ist gleich geblieben, aber die Stücke für jeden sind kleiner geworden.“ Unter anderem führe das dazu, dass viele Geschäfte Personal abbauen müssen.
Fast jeder zehnte Salon ist ein Discounter
Das Konzept von Billigfriseuren funktioniert ähnlich wie das von Billigairlines: Die Leistungen sind auf den Basiszweck ausgerichtet, in diesem Fall Haarschnitt. Jeder Service, der darüber hinausgeht, wird extra berechnet, auf zeitintensive Dienstleistungen wird oft ganz verzichtet. Der Kunde wird von dem Mitarbeiter frisiert, der gerade frei wird. So können die Discounter mehr Kunden bedienen und die Auslastung steigern. Der große Boom der Discountfriseure kam mit der Umstellung auf den Euro. 2002 ging der Umsatz des Friseurhandwerks um 4,5 Prozent zurück, im Jahr darauf um weitere vier Prozent. Nach Branchenschätzungen ist mittlerweile fast jeder zehnte Friseur ein Discounter, bei dem Haare schneiden und andere Dienstleistungen pauschal unter 15 Euro kosten und die Friseure wie am Fließband arbeiten.
Aber auch bei Ketten gibt es große Unterschiede. „Ein abgespecktes Angebot ist per se nichts Schlechtes“, sagt René Krumbholz, Betreiber des Branchenportals friseur-news. „Davon können manche Familienbetriebe lernen.“ Bedenklich werde es allerdings, wenn das Haar zum Dumpingpreis um die zehn Euro geschnitten werde. Das gehe zulasten der Qualität und „klar auf Kosten der Mitarbeiter“, die nicht selten wegen der Niedriglöhne auch noch Sozialhilfe beantragen müssen. „Letztlich zahlt der Steuerzahler das Ersparte am Haarschnitt an anderer Stelle wieder drauf.“ Das Nachsehen haben dann traditionell geführte Familienbetriebe, die sich Zeit für ihre Kunden nehmen.
Parallel dazu hat sich eine weitere Konkurrenz breitgemacht. Es sind die Einmann-/Einfrau-Salons. Die sogenannten Mikrobetriebe sind in den vergangenen zehn Jahren regelrecht explodiert und stellen inzwischen ein Drittel der bundesweit 80.000 Friseursalons, Tendenz steigend. Sie vereinen die Stärken der Ketten – den niedrigen Preis – mit Dienstleistungen der Traditionsgeschäfte und sprechen damit kostenbewusste und servicebetonte Kunden an, die sie oft durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewinnen. Dass sie günstiger kalkulieren können als Mehrpersonenbetriebe, liegt an einem fiskalischen Vorteil, den ein Gutteil von ihnen nutzt: Betriebe mit einem jährlichen Umsatz von weniger als 17.500 Euro müssen keine Mehrwertsteuer zahlen. Das reicht vielleicht als Zuverdienst, wenn bereits ein Einkommen da ist. Krumbholz hat daraus einen jährlichen Gewinn von gerade mal 3000 Euro errechnet. Alleinstehende müssen ihr Einkommen entweder mit Hilfe des Sozialamts aufstocken, oder sie verschweigen einen Teil der Einnahmen und kassieren schwarz – auch zum Vorteil der Klientel.
Gute Ideen sind gefragt
Wie kann das herkömmliche Friseurgeschäft seinen Schopf aus der Schlinge ziehen? „Unternehmerisch denken“, sagt Moser knapp. Das Konzept auf die mögliche Kundschaft in der Umgebung abstimmen. Und Nischen besetzen: das kann die Möglichkeit sein, den Hund mitbringen zu dürfen, Kinderbetreuung, verlängerte Öffnungszeiten, Entspannungsangebote für den Feierabend oder Rabattaktionen. „All das nützt aber wenig, wenn die Qualität nicht stimmt“, betont er. „Und das geht nur mit exzellentem Personal.“ Krumbholz ergänzt: „Wir brauchen tolle junge Leute, die aber auch entsprechend gute Löhne verdienen.“ Einen vernünftigen Service gebe es nur zu einem Preis, mit dem der Dienstleister seine Grundbedürfnisse bestreiten könne. „Diese Situation haben wir wegen der Geiz-ist-geil-Mentalität in Deutschland aber leider nicht mehr.“
Es wird eng bleiben in der Branche. Da nutzen den angestammten Salons auch Umfragen wenig, wonach es die Bürger mit großer Mehrheit ablehnen, zu einem Friseur zu gehen, der Niedrigstlöhne zahlt. Hier ist es wie einst mit Eiern aus Käfighaltung. Die Mehrheit war empört dagegen, doch Bio-Ware hat sie deswegen lange nicht gekauft. Die Billiganbieter können weiterhin auf Kundinnen wie Adelheid A. setzen.




