Königsfeld Sich aufs Rad setzen und strampeln
Schwarzwälder-Bote, 28.12.2012 00:48 UhrVon Peter Bäumler
Königsfeld. Mit wie viel Freude und Vergnügen eine Woche lang Körper, Kopf- und Seele für "herzgesund leben" bewegt werden können, zeigte eine Gruppe von Herzpatienten, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben.
Herz-Kreislauferkrankungen nehmen, trotz aller Fortschritte in der Kardiologie, weiterhin Platz eins in der Todesfallstatistik ein und liegen damit noch vor dem "Ungeheuer" Krebs. Der amerikanische Arzt Dean Ornish konnte als Erster zeigen, dass durch Veränderung des Lebensstils Verkalkung und Verengungen in den Herzkranzgefäßen aufgehalten, ja sogar zurückgebildet werden können. Der Geißel Angina-Pectoris, Herzinsuffizienz, Herzinfarkt könne mit nachhaltiger Minderung der Risikofaktoren die Schärfe genommen werden.
Die fünf Säulen dieser Behandlung sind völliges Nichtrauchen, Praktizieren von Stressmanagement und Entspannungstechniken, fettreduzierte, salzarme vegetarische Ernährung, Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen, individuell dosiertes körperliches Training – "eine halbe Stunde mindestens am Tag".
Vor etwa 25 Jahren wurde diese Behandlung zum ersten Mal in Europa in der Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld, die Fachklinik für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen ist, angewandt. Der damalige, Ärztliche Direktor und Chefarzt Otto A. Brusis konnte seither mehr als 800 Patienten beraten, die mit weniger Medikamenten und ohne Operation ihre koronare Herzerkrankung aktiv selbst behandeln wollen.
Eine eigene, über mehrere Jahre angelegte Studie der Klinik wies signifikant nach, dass es möglich ist, operative Herzeingriffe mit allem Drum und Dran zu vermeiden. Dies spart dem Gesundheitssystem sogar Geld.
Dean Ornish adelte die Königsfelder Initiativen mit seinem Besuch dort anlässlich einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation in Donaueschingen im Jahr 1996. Seit sechs Jahren wird auch im Park-Klinikum, Klinik Baden in Bad Krozingen, die Ornish-Herzbehandlung angeboten.
Der Verband Herzgesund Leben vermittelt Interessenten ärztliche Beratung, Kennenlern-Wochen, Intensiv-Wochen und Information (www.herzgesund-leben.de). Eine solche Woche endete kürzlich mit einem wissenschaftlichem Seminar.
Die Gastvorträge waren "Die Ornish-Studie an der Albert-Schweitzer-Klinik" des leitenden Psychologen Peter Safian von jener Klinik, "Herzkreislauftraining für die Älteren nach 65" von Christian Holubarsch, Klinik Baden Bad Krozingen. Jochen Jordan, Psychokardiologe der Kerckhoff Klinik Bad Nauheim, referierte über "Stress als Hauptrisikofaktor der koronaren Herzkrankheit".
Jordans Rat lautet: Bewegung, Bewegung, Bewegung. "Setzen Sie sich aufs Rad und strampeln Sie, dann rauschen Stresshormone, die sonst einen ganzen Tag lang Herz und Blutgefäßen schaden, in zwanzig Minuten aus den Adern".



Einfacher Weg zur Gesunderhaltung
Die eingreifenden Lebensstil-Änderungen nach Ornish erfordern eine sehr hohe und anhaltende Motivation, die selbst unter KHK-Patienten nur eine Minderheit aufbringt. Neuere Wissenschaft weist einen einfacheren Weg, der vor allem präventiv bei (noch) Gesunden ansetzt: das Blutspenden. Wie das? Schon seit Jahrtausenden ist bekannt, daß Aderlässe eine hervorragende Therapie der altersabhängigen Blutdrucksteigerung sind, durch moderne Studien bestätigt. Inzwischen ist auch bekannt, daß Aderlässe den 'Altersdiabetes' gewissermaßen heilen können - das ganze Bündel von Stoffwechselstörungen, das erhebliche Teile der alternden Bevölkerung betrifft. Entscheidend für den Erfolg ist der Entzug von überschüssig gespeichertem Eisen (übrigens auch die häufigste Erbkrankheit - kaum bekannt). Eisenspeicherung im Körper ist ein zunehmendes Problem steigenden Alters in Wohlstandsgesellschaften mit hohem Konsum 'roten Fleisches' vom Rind, Schwein... Blutspenden sind nichts anderes als 'große Aderlässe', bei denen durch langerprobte Vorgaben sichergestellt ist, daß weder ein Blutmangel auftritt noch sonstige erhebliche Risiken: Wer einen Teils seines Blutes für Kranke spendet, schützt gleichzeitig seine eigene Gesundheit - eine grandiose 'win-win'-Situation! Aus Finnland ist z.B. bekannt, daß ältere männliche Blutspender ein Herzinfarkt-Risiko nahe Null haben. Blutspender haben auch ein geringeres Krebs-Risiko, etwa für den in reichen Ländern sehr häufigen Darmkrebs. Es gibt zudem Hinweise, daß Eisenentzug der Neurodegeneration entgegengewirkt (Demenz, Parkinson...), die dort im Gehirn auftritt, wo vermehrt Eisen nachweisbar ist. Salopp gesprochen: rostendes Eisen schadet, sollte sich im Körper nirgendwo ansammeln, ob Leber, Herz, Gehirn, Nieren usw. Die Albert-Schweitzer-Klinik könnte zweifellos einen Beitrag dazu leisten, diese Zusammenhänge weiter zu klären und bekanntzumachen.