Neuhausen - Die Falschfahrt eines 20 Jahre alten BMW-Fahrers auf der A 5 bei Offenburg sorgte im November bundesweit für Schlagzeilen. Die Nachricht wirkte wie ein Schock. Zum einen, weil der Todesfahrer fünf weitere junge Menschen aus dem Leben riss. Danach aber rückte eine Frage in den Vordergrund: Wie kann man sich vor einem solchen Schicksal schützen?

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann reagierte prompt: Wenige Tage später gab er den Erlass heraus, an den Ein- und Ausfahrtsrampen sämtlicher Autobahnanschlussstellen im Land Richtungspfeile aufzubringen. Solche Fahrbahnmarkierungen sollen außerdem an allen Tank- und Rastanlagen sowie Autobahnparkplätzen aufgebracht werden. Einen Monat später wird der Erlass bereits umgesetzt. An der Anschlussstelle Kirchheim/Teck-West wurden die ersten Pfeile schon aufgemalt, am vergangenen Mittwoch ist nun Neuhausen dran (Umleitung über Ausfahrt Esslingen). Bis Mitte 2013 sollen sämtliche 250 Anschussstellen im Land so markiert sein. Darüber hinaus wird überprüft, ob an den Ausfahrten tatsächlich beidseitig Schilder „Einfahrt verboten“ stehen.

1800 Euro kosten nach Angaben des Regierungspräsidiums (RP) die Markierungsarbeiten für jeweils drei Pfeile pro Rampe, notwendige Nachbesserungen weitere 600 Euro, so dass das RP von rund 100.000 Euro Gesamtkosten für die rund 40 Anschlussstellen im Regierungsbezirk Stuttgart ausgeht. Nicht berücksichtigt seien darin größere Autobahndreiecke und -kreuze. Darüber, ob die Maßnahme tatsächlich greift, können das RP wie das Verkehrsministerium allenfalls spekulieren. Ministeriumssprecherin Julia Pieper verweist auf eine entsprechende Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST), deren Ergebnisse Anfang 2013 erwartet werden.

Unachtsamkeit als Hauptursache für Falschfahrten

So lange will das Ministerium nicht warten: „Die Pfeile sollen unfreiwillige Falschfahrten verhindern“, sagt Pieper. Sie seien schnell umzusetzen und relativ günstig. Ziel sei, wie auf großen Kreuzungen ein Leitsystem zu schaffen, das auch bei schlechter Sicht erkennbar sei und auch Menschen auffalle, „die auf die Straße fokussiert sind“.

Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss gibt ihr Recht. Er hat eine Praxis in Hannover, stellt Forschungen an zu einer verbesserten Fahrausbildung und gehört dem Vorstand des Bundesverbands niedergelassener Verkehrspsychologen an. „Was sich von allem anderen deutlich abhebt ist am Besten“, ist er überzeugt. Das könnten Markierungspfeile ebenso sein wie die großformatigen neongelben Schilder, die zurzeit in Bayern im Pilotversuch getestet werden. Voss ist überzeugt, dass Unachtsamkeit die Hauptursache für Falschfahrten ist. Gerade Einzelfahrer – frühmorgens etwa bei wenig Verkehr – seien gefährdet, nicht zu hinterfragen, auf welcher Straße sie sich befänden. „Das kann jedem passieren“, sagt Voss und verweist auf einen Fall in Rheinland-Pfalz, bei dem zwei Polizisten sich auf einer zweispurigen Bundesstraße wähnten. Sie wendeten auf der vierspurigen Straße mit geteilter Richtungsfahrbahn und verursachten einen Unfall mit Toten. Den größten Anteil unter den Falschfahrern hätten wohl jene, meint Voss, die eine Ausfahrt verpasst haben, keinen Umweg fahren wollen und zurücksetzen oder wenden. Weit geringer sei die Zahl der Suizid-Fahrten und Mutproben. Um gesicherte Erkenntnisse zu erhalten, seien aber Langzeitstudien von mehreren Jahren nötig und auf einer längeren Strecke – wie etwa Stuttgart-Rottweil.

„Viele Autofahrer sind einfach überfordert“

Stefan Leonhardt betreibt in Asperg im Kreis Ludwigsburg eine Fahrschule für Lkw und Busse und war vorher als Fernfahrer um die fünf Millionen Kilometer unterwegs. „Viele Autofahrer sind einfach überfordert“, so seine Erkenntnisse. Der Verkehr auf der Autobahn werde dichter, selbst Kleinwagen hätten viele PS, die Ablenkung durch immer mehr Bedieninstrumente, Handy und Navi werde größer. Leonhardt schließt aber auch nicht aus, dass es Mutproben gibt.

Die Ursachen für die meisten Falschfahrten können nicht geklärt werden, weiß Julia Pieper. Und oft nicht einmal, ob es überhaupt eine Falschfahrt war. Anzeigen von Verkehrsteilnehmern gibt die Polizei nämlich ungeprüft an die Radiosender weiter – um nicht wertvolle Zeit zu verlieren. So wurden etwa am vorigen Sonntag auf der A 8 zwischen dem Echterdinger Ei und Stuttgart-Plieningen gleichzeitig für jede Richtung ein Falschfahrer gemeldet. Wenig später gab’s Entwarnung. Die Polizei bestätigt auf Anfrage, dass es eine Anzeige gab, aber nur für eine Richtung. Die Polizei rückte aus, konnte aber keinen Falschfahrer finden.