Mittleres Kinzigtal/Pskow - Christina Spitzmüller aus Zell berichtet für den "Schwarzwälder Boten" von ihren Erfahrungen aus der Großstadt Pskow in Nordwest-Russland. Dort absolviert sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ).

Obwohl der Winter in Russland jedes Jahr pünktlich und zuverlässig kommt, ist er offensichtlich immer wieder eine große Überraschung. Am ersten richtigen Wintertag bricht grundsätzlich Chaos aus.

Das war in diesem Jahr Ende November so. Da hat es eine Nacht komplett durchgeschneit. Am nächsten Morgen stapelte sich der Schnee vor unserer Haustür einen halben Meter hoch. In den Nachrichten hieß es, dass es seit 50 Jahren nicht mehr so viel in einer Nacht geschneit hat.

Meine Kollegen haben nur müde abgewinkt: "Jedes Jahr erzählen sie irgendwas in der Art. ›Dieses hatten wir seit 20 Jahren nicht mehr, jenes seit 30 Jahren.‹" Aber der Winter komme doch jedes Jahr und es schneie jedes Jahr genauso viel. "Wir sind schließlich in Russland!" Ein ganz gewöhnlicher Wintereinbruch also.

Trotzdem ist keiner so richtig vorbereitet: Eine Schneeschaufel für die Freiwilliges-Soziales-Jahr-Leister wie mich gibt es zum Beispiel noch nicht. Aber man hat uns versprochen, dass wir nächste Woche eine bekommen. Oder übernächste. Oder irgendwann.

Immerhin hat jemand vor unserer Tür endlich Schnee gekehrt und uns einen Weg zur Straße gebahnt. So kann ich nach zwei Tagen, an denen mir der Schnee oben in die Stiefel gequollen ist, wieder trockenen Fußes zur Arbeit gehen.

Im größten Supermarkt der Stadt hingegen gibt es kein Speisesalz mehr, da die ganzen Regale mit Streusalz gefüllt sind.

Und am ersten Schneetag waren die Linienbusse überfüllt, weil die meisten Pskower auf den öffentlichen Nahverkehr umgestiegen sind: Die Autos waren eingeschneit und die Straßen außerdem noch nicht geräumt. Die Schulbusse sind morgens nicht angesprungen, die Kinder also alle verspätet zur Schule gekommen. Sofern sie denn gekommen sind. Viele sind zu Hause geblieben. Schließlich ist es nicht besonders angenehm, Rollstühle durch den Schnee zu schieben oder mit den Kindern frierend an den Bushaltestellen zu warten.

Am zweiten Tag hat sich aber die Routine schon wieder eingestellt. Die Straßen waren frei, die Kollegen kamen wieder mit den Autos zur Arbeit. Die Kinder waren fast vollzählig anwesend. Nur an den Bushaltestellen wartete man immer noch auf einer hohen Schneeschicht, und die Gehwege waren nicht einmal in der Innenstadt geräumt.

Das hat sich aber auch nach einer Woche noch nicht wirklich geändert – es wäre wahrscheinlich auch eine Sisyphusarbeit, die Stadtarbeiter sind schon genug damit beschäftigt, die Fahrbahnen freizuhalten. Fußgänger kommen da erst an zweiter Stelle.

Der Schnee fiel übrigens am Andreastag, und auch Russland hat seine Bauernregeln – man sagt, der Schnee bleibt lange liegen. Ich darf mich also auf einen schneereichen, kalten und vor allem langen Winter freuen.

Weitere Informationen:

Die Arbeit im HPZ, in dem Christina Spitzmüller ihr FSJ ableistet, finanziert sich hauptsächlich über Spenden aus Deutschland. Die Kontoverbindung ist auf www.initiativepskow.de zu finden.