Karlsruher Geiseldrama Wo hatte Karlsruher Geiselnehmer die Waffen her?

dapd, 05.07.2012 15:58 Uhr

Karlsruhe - Nach dem blutigen Geiseldrama in Karlsruhe mit fünf Toten arbeiten die Ermittler mit großem Aufwand an einer Aufklärung der Abläufe und Hintergründe der Tat. Von einer Obduktion der Leichen erhoffen sich die Beamten genaue Aufschlüsse zu der Todesursache des Täters und seiner vier Opfer. Die Obduktion soll am Freitag am rechtsmedizinischen Institut der Universität Heidelberg erfolgen, wie ein Polizeisprecher sagte. Die ersten Ergebnisse werden für den Nachmittag erwartet. Ursprünglich war die Untersuchung bereits für Donnerstag geplant.

Am Mittwoch stürmte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus, in der ein 53-Jähriger zunächst vier Menschen als Geiseln nahm - drei von ihnen erschoss er, einen Sozialarbeiter ließ er frei. Anschließend tötete der Täter sich selbst. Auch seine Lebensgefährtin und ehemalige Inhaberin des Appartements lag erschossen auf dem Bett im Schlafzimmer. Die Wohnung sollte zwangsgeräumt werden. Zu den Todesopfern zählen der Gerichtsvollzieher, der neue Wohnungsinhaber und ein Bediensteter einer Schlüsselfirma.

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Zeugen wollen schon am Vortag Schüsse gehört haben

Die Polizei schließt nicht aus, dass die Frau bereits am Vortag von ihrem Lebensgefährten durch einen aufgesetzten Brustschuss getötet wurde. Auch diese Frage werde in die Obduktion mit einfließen, sagte der Polizeisprecher. Zeugen hätten angegeben, bereits am Vortag schussähnliche Geräusche gehört zu haben, es könne sich aber auch um einen Sektkorken oder eine Fehlzündung gehandelt haben. Die Polizei sei darüber nicht informiert worden.

Geklärt werden soll mit der Obduktion ebenfalls, wie stark der Geiselnehmer unter Alkoholeinfluss stand, wie der Sprecher weiter sagte. Der Täter soll vor der Tat immer wieder Bier getrunken haben.

Indes ging am Donnerstag die Spurensuche am Tatort in der Karlsruher Nordstadt weiter. Die Beamten durchsuchten noch einmal die Wohnung. Unklar sei bislang noch die Herkunft der Waffen, die der Geiselnehmer bei sich hatte, sagte der Polizeisprecher. Darunter befanden sich eine Schrotflinte, ein „Gewehr mit einem langen Magazin“, zwei Pistolen, große Mengen Munition und eine Übungshandgranate.

Polizei prüft Mitgliedschaft in französischem Jagdverband

Weil der Täter französischer Staatsangehöriger war, wollen die Ermittler auch der Frage nachgehen, ob er Mitglied des Jagdverbandes in Frankreich war und so legal an die Waffen kam. Er hatte seinen Wohnsitz zuletzt im Elsass, lebte aber offenbar bei seiner Lebensgefährtin in Karlsruhe, wie der Sprecher sagte.

Der bei der Geiselnahme getötete Schlosser war offenbar zufällig am Tatort. Der 33-Jährige sei nur eingesprungen, sagte ein Freund der „Bild“-Zeitung (Donnerstagausgabe). Der Mann hinterlässt dem Blatt zufolge eine hochschwangere Frau und zwei Kinder. Das dritte Kind soll in der nächsten Woche zur Welt kommen. Auch der erschossene Gerichtsvollzieher war Familienvater.

Nach dem Geiseldrama lehnt die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) eine Debatte über die Bewaffnung von Gerichtsvollziehern ab. Dies wäre „hanebüchener Unfug“, sagte der DPolG-Bundesvorsitzende Rainer Wendt der Nachrichtenagentur dapd. Dann müssten demnächst ja auch Richter, Staatsanwälte, Sozialarbeiter, Arbeitsvermittler oder Lehrer und Erzieher bewaffnet werden. Die Eskalation bei der Zwangsräumung sei nicht vorhersehbar gewesen, sagte Wendt. „Das war eine absolute Ausnahmesituation.“