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Jobchancen Vom Arbeits- zum Bewerbermarkt

Uwe Ritzer, vom 18.11.2011 12:58 Uhr
In Bayern und Baden-Württemberg können sich Jobsuchende mehr denn je aussuchen, wo sie arbeiten wollen - mancherorts gibt es nur 1,1 Prozent Erwerbslose. Foto: dpa
In Bayern und Baden-Württemberg können sich Jobsuchende mehr denn je aussuchen, wo sie arbeiten wollen - mancherorts gibt es nur 1,1 Prozent Erwerbslose. Foto: dpa

Vielleicht hat es auch etwas mit Mentalität zu tun, ganz sicher aber mit Struktur und mit einem erfolgreichen Großunternehmen. Dem Autobauer Audi in Ingolstadt geht es seit Jahren prächtig; vor allem der Export läuft wie geschmiert. Das strahlt aus ins Umland. Von Ingolstadt nach Eichstätt sind es nicht einmal 30 Kilometer. Tausende derer, die in der heimeligen Bischofs- und Universitätsstadt Eichstätt samt deren Einzugsgebiet leben, arbeiten bei Audi in Ingolstadt. Das allein erklärt jedoch nicht, weshalb das beschauliche Eichstätt seit vielen Monaten regelmäßig die niedrigsten Arbeitslosenquoten bundesweit aufweist, mit einer Eins vor dem Komma. Im Oktober waren es sagenhafte 1,1 Prozent. Da staunen selbst Arbeitsmarktexperten.

Doch auch andernorts sind vor allem in Bayern und Baden-Württemberg die ökonomischen und arbeitsmarktpolitischen Perspektiven so gut wie schon lange nicht mehr. Soweit man das heutzutage sicher sagen kann. Während sich die Schulden-, Euro- und Finanzkrise zur unendlichen Geschichte mit unübersehbaren Folgen auszuwachsen droht und Wirtschaftsforscher vor einer bevorstehenden Rezession warnen, zucken vor allem viele Mittelständler irritiert die Schultern. Ihre Auftragsbücher sind bis weit ins Jahr 2012 hinein voll. Sie kämpfen um etwas ganz anderes, ein immer knapper werdendes Gut: Fachkräfte.

Es ist nicht in allen Regionen so, aber in Süddeutschland wandelt sich der Arbeitsmarkt gerade zum ersten Mal seit sehr langer Zeit in einen Bewerbermarkt. Was für die Unternehmen bedauerlich sein mag, ist für die Arbeitnehmer eine riesige Chance. Sie können sich mehr denn je aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Seit Jahrzehnten waren vor allem in Bayern und Baden-Württemberg die Karrierechancen für gut ausgebildete Facharbeiter oder Akademiker mit brauchbaren Abschlüssen nicht mehr so exzellent. Das gilt in erster Linie, aber nicht nur für technische und gewerbliche Berufe.

Wem die Lebenshaltungskosten in prosperierenden Ballungszentren wie München oder Stuttgart inzwischen zu hoch sind, der findet auch in mittleren und kleineren Städten attraktive Jobangebote. Auch dafür bietet die Bundesagentur für Arbeit beweiskräftiges Zahlenmaterial. In keinem süddeutschen Agenturbezirk lag die Erwerbslosenquote zuletzt noch über dem Bundesdurchschnitt. Selbst ländliche Regionen lassen aufhorchen. Natürlich ist die Automobilindustrie ein ganz wesentlicher Treiber dieser Entwicklung: Audi in Ingolstadt und Neckarsulm, BMW in München, Regensburg und Landshut, Daimler und Porsche im Raum Stuttgart, um die großen Flaggschiffe zu nennen. Hinzu kommen Zulieferer, von denen sich manche im Laufe weniger Jahrzehnte vom überschaubaren Familienunternehmen zum Weltkonzern entwickelt haben. Nicht selten sitzen sie in der vermeintlichen Provinz. ZF in Friedrichshafen am Bodensee, der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler in Herzogenaurach bei Nürnberg oder die Firma Brose, ein mit mechatronischen Systemen und Elektromotoren für die Fahrzeugindustrie äußerst erfolgreiches Unternehmen aus dem fränkischen Coburg.

Die Zeiten, in denen vor allem die Landwirtschaft Bayern prägte, sind schon sehr lange vorbei. Ebenso wie Baden-Württemberg nahm das Bundesland einen Aufschwung als Standort für Hochtechnologie und Forschung. Luft- und Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit - zahlreiche Zukunftsthemen sind hier angesiedelt. Die Zahl der angemeldeten Patente liegt im Verhältnis deutlich über dem bundesrepublikanischen Durchschnitt.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einher ging ein Ausbau der Infrastruktur. Im Buhlen um den akademischen Nachwuchs und Fachkräfte aus anderen Regionen zählt neben alledem auch die hohe Lebensqualität in den meisten Regionen.

Die Startvoraussetzungen für den zunehmend härteren Kampf um Fachkräfte seien also hervorragend, heißt es aus den Landeswirtschaftsministerien in Stuttgart und München unisono. Vom Strukturwandel profitieren inzwischen selbst Regionen, die ins Hintertreffen zu geraten schienen. Oberfranken oder Nürnberg, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem mit den Niedergang von Grundig, AEG und Quelle in Verbindung gebracht wurde. Während selbiger betrauert wurde, stiegen im Schatten der Hiobsbotschaften Unternehmen wie der Autozulieferer Leoni oder der Marktforscher GfK zu Global Playern auf.

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