Horb - Der Partner trinkt, das Kind kifft – Angehörige von suchtkranken Menschen fühlen sich oft schuldig, sind hilflos und mit ihren Sorgen allein. Die Angehörigengruppe der diakonischen Fachstelle Sucht ist ein Ort, um Frust zu teilen und sich gegenseitig zu helfen.

Mit einem Gottesdienst stellt sich die Gruppe vor.Mareike war immer die Schuldige, wenn es Streit mit ihrem Freund gab. "Der hat sich über jede Kleinigkeit aufgeregt", sagt sie. "Nur damit er sagen kann: Mit dir hält man es ja nicht aus!" Dann ist er abgehauen, in die Kneipe, Bier trinken. "Jedes Mal habe ich mich gefragt: Was hast du jetzt wieder falsch gemacht?", sagt sie. Mareike heißt eigentlich anders. Aber Anonymität ist in der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken oberstes Gebot.

Hilfe hat Mareike lange nicht angenommen, weil sie dachte, dass sie ihren Freund schon trocken kriegt. "Ich hab mir immer gesagt, du schaffst das. Aber du schaffst es eben nicht." In der Selbsthilfegruppe erkannte sie das Muster im Verhalten des Partners, wurde ihre Schuldgefühle los, lernte wieder lachen.

Die Gruppe gibt es schon seit Jahrzehnten. Teilnehmer sind Partner suchtkranker Menschen. Freunde. Eltern von abhängigen Kindern. Es geht um Alkohol- und Drogensucht, um Internet-, Kauf- oder Esssucht.

"Unser Kreis ist in letzter Zeit etwas geschrumpft", sagt Susanne Henning, Leiterin der diakonischen Fachstelle Sucht. Daher habe man die Presse eingeladen. Von acht Mitgliedern sind vier zum Gespräch gekommen. Allen ist eines gemein: Sie sind oder waren mit ihrem Latein am Ende.

"Ein Kind kann sich nicht ausklinken"

Henning begleitet die Selbsthilfegruppe. Sie sagt: "Die Angehörigen geraten in eine Co-Abhängigkeit. Das Leben ganzer Familien dreht sich nur noch um die Sucht." Um diese Co-Abhängigkeit dreht sich ein Gottesdienst, zu dem die Selbsthilfegruppe am Sonntag, 17. Februar, einlädt. Damit beteiligt sich die Gruppe an der bundesweiten Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien. Für Kinder sei die Situation vermutlich noch schlimmer, sagt Mareike. "Ein Kind kann sich nicht ausklinken." Das Motto des Gottesdienstes heißt deshalb "Angehörig = zugehörig". Der Kampf gegen die Sucht raubt der ganzen Familie Kraft.

Ein Kampf gegen Windmühlen, den hier alle kennen: Salz in offene Flaschen schütten, das Haus nach verstecktem Alkohol durchsuchen. "Aber das bringt nichts", sagt Mareike. Die Süchtigen finden immer einen Weg, an Stoff zu kommen.

Eine ältere Frau, die einen leuchtend roten Rollkragenpulli trägt, viel lacht und offen erzählt, sagt: "Am Anfang versucht man alles zu kitten, aber irgendwann geht das nicht mehr. Man steht vor einem Scherbenhaufen." Ihr Mann hat getrunken bis er zum Pflegefall wurde. Sie hatte damals überlegt, ihn zu verlassen. "Aber ich bin geblieben." Das Alkoholproblem hat sich damit von selbst gelöst, heute bringt sie ihn um 18 Uhr ins Bett und kann wieder ausgehen, sagt sie.

In der Gruppe haben die Frauen gelernt, die Sucht als Krankheit zu sehen, sich vor Freunden nicht für den Partner zu schämen.

Mareike hat in der Gruppe einen Mann kennengelernt, der nach massiver Sucht selbst dem Alkohol abgeschworen hat und sich nun in mehreren Selbsthilfegruppen engagiert. Die beiden sind glücklich und gehören trotzdem weiter zur Gruppe. "Weil man durch die Gespräche hier viel für den Alltag lernt", sagt Mareike. "Ich wurde gelassener. Viele Dinge lassen sich zwar nicht ändern – die Perspektive darauf aber schon."

Regelmäßige Treffen Die Angehörigengruppe trifft sich 14-tägig mittwochs um 20 Uhr in der diakonischen Bezirksstelle Horb, Neckarstraße 29. Die Gruppe wird von Susanne Henning geleitet.

Gottesdienst Der ökumenische Gottesdienst unter dem Motto "angehörig = zugehörig" findet am Sonntag, 17. Februar, um 18 Uhr in der evangelischen Johanneskirche statt.