Horb a. N. Plötzlich wehen wieder Fahnen an den Häusern

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Großbritannien lässt die Europäische Union beben: In dieser Woche beantragte London den EU-Austritt in Brüssel. Auch in Horb verfolgt man die Entwicklung mit Spannung – nicht nur wegen der Städtepartnerschaft mit dem englischen Haslemere.

Horb. Das gibt es sonst nur bei der Fußball-WM: Menschen schmücken ihre Häuser mit Fahnen. Dennoch weht in dieser Woche blauer Stoff mit einem gelben Sternenkranz an der Haustür von Frercks Hartwig in Dettingen. Es ist die Flagge der Europäischen Union. Doch weder hat die EU eine eigene Nationalmannschaft noch findet in diesem Sommer ein großes Fußballturnier statt. Das zeigt: Es sind bewegende Tage in Europa – und damit auch in Horb.

"Ich habe die Europa-Fahne rausgehängt. Nicht, weil ich die Politik der EU grundsätzlich für gut halte, sondern weil ich mich als Europäer definiere", begründet Hartwig seine symbolreiche Reaktion auf den beantragten EU-Austritt Großbritanniens. Der Dettinger ist beruflich als Tennislehrer tätig und hat schon allein deshalb eine besondere Beziehung zur britischen Hauptstadt London, wo jedes Jahr im Stadtteil ­Wimbledon das wichtigste Tennisturnier der Welt ausgetragen wird. Hartwig: "Der Brexit tut mir fast körperlich weh, da er einen gravierenden Einschnitt in der Entwicklung zu einem gemeinsamen Europa darstellt. Ich liebe London, wo ich mich gerne häufig aufhalte, und beobachte die Sorger vieler Londoner vor den Folgen des ­Brexit für die Wirtschaft und für die Weltoffenheit der Metropole. Wieder einmal waren es die Populisten, die die Menschen aufs politische Glatteis geführt haben."

Sorgenvoll schaut man in Horb dieser Tage aber nicht nur auf London, sondern auch auf das etwas südlicher gelegene Haslemere – seit 26 Jahren Partnerstadt der Neckarstadt. Christine Dietz ist Sprecherin des Partnerschaftsarbeitskreises und organisiert von Anfang an die Fahrten von Horb nach Haslemere. Die Nachricht vom britischen EU-Austritt habe sie traurig gestimmt: "Eine sehr bedenkliche Entscheidung." Im September – rund drei Monate nach dem Referendum, bei dem knapp 52 Prozent der Briten für den EU-Austritt gestimmt hatten – war Dietz zuletzt in Haslemere zu Gast. Dort habe sie viele enttäuschte Gesichter gesehen. "Haslemere liegt in einer ländlichen Region, die eher von der EU profitiert", sagt Dietz, die sich über das Referendum ärgerte: "Das Ergebnis hat darauf beruht, dass falsche Tatsachen gestreut wurden und viele die Abstimmung nicht so ernst genommen haben."

Den nächsten direkten Kontakt mit Haslemere wird der Arbeitskreis am 31. Mai haben. Dann kommt wieder eine Gruppe aus der britischen Partnerstadt nach Horb. Für Dietz, die einst in England studiert hat, steht fest, dass es diese Fahrten auch nach dem Brexit geben wird. Zwar könnten die Formalien künftig etwas komplizierter und die Wartezeiten an der Grenze länger werden, dennoch betont Dietz: "Wir sind uns mit Haslemere einig, dass der ­Brexit unsere Partnerschaft nicht tangieren wird."

Das bestätigt auch die Horber Stadtverwaltung. Rathaus-Sprecher Rolf Kotz unterstreicht auf Nachfrage unserer Zeitung: "Wir sind angesichts der engen Verbindungen zwischen den Bürgern aus Haslemere und Horb davon überzeugt, dass das politische Klima auf die guten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Städtepartnerschaft keinen Einfluss hat." Den Brexit an sich will Kotz allerdings nicht kommentieren und schreibt: "Für Stellungnahmen zum Brexit ist die Bundesregierung der zuständige Ansprechpartner."

Das übernimmt dafür die Horber SPD-Vorsitzende und Stadträtin Viviana Weschenmoser. "Die Jungen waren blöd, weil sie nicht wählen waren, und die Älteren waren blöd, weil sie für den Brexit gestimmt haben", ärgert sie sich über das Referendum und macht deutlich: "Ich bin überzeugte Europäerin. Nach den guten Erfahrungen, die wir in Europa gemacht haben, sollten wir eigentlich noch mehr Brücken bauen. Europa hatte ja nie die Absicht, alle Probleme gleichzeitig zu lösen. Gerade weil wir so viele Krisenherde um uns herum haben, sollten wir noch enger zusammenrücken." Um die guten Beziehungen nach Haslemere ist Weschenmoser allerdings nicht bange: "Die Partnerschaft hat damit nichts zu tun. Das ist ja etwas ganz individuelles."

Klar ist aber auch: Es gibt nicht nur europafreundliche Töne in Horb. "Es war eine Entscheidung der britischen Bevölkerung, die wir zu akzeptieren haben", sagt etwa UHL-Stadtrat Hermann Walz und schimpft: "Das fadenscheinige Geschwafel unserer Regierung über das Weh und Warum nur steht uns nicht zu. Der Brexit war die logische Konsequenz und der einzige Weg, die Bevormundung durch Brüssel, insbesondere durch die Herren Junker und Schulz, zu beenden."

Ähnlich sieht es Walz’ Fraktionskollege Rodolfo Panetta, der zuvor für die EU-kritischen Republikaner im Horber Gemeinderat saß. "Die britischen Politiker haben bereits sehr viel für ihr Volk getan, indem sie am eigenen starken Pfund Sterling festgehalten haben. Mit dem Brexit haben sie uns Deutschen sehr geholfen, weil unsere Politiker den eigenen Bürgern jeden Volksentscheid verweigern", findet Panetta und kritisiert: "Die Brüsseler Bürokratie hat sich zu einer Zwangsjacke für die Völker Europas entwickelt. Wir müssen zurückkehren zu einem Europa freier Vaterländer und die Briten haben den Weg dorthin jetzt eingeschlagen."

Wenig überraschend nimmt die ebenfalls eurokritische Alternative für Deutschland eine ähnliche Haltung ein. Der Altheimer Roland Tischbein, der im vergangenen Jahr für die AfD in den Landtag einziehen wollte, sagt: "Die Umsetzung des Referendumsergebnisses durch die britische Regierung ist ein gutes Beispiel, wie erweiterte repräsentative Demokratie funktioniert." Vom Brexit erhofft sich der Altheimer ein Signal: "Ob der Austritt der Briten die Verantwortlichen der EU wachrüttelt, wird sich zeigen. Ein Hauptakteur ist ja bereits wieder in seine Heimat geflohen und möchte nun Kanzler werden."

Doch nicht nur Brüssel und London stehen im Fokus. Auch für die Wirtschaft im Kreis Freudenstadt könne der EU-Austritt Großbritanniens ganz konkret Auswirkungen haben – warnt die Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald. "Ein harter Brexit wird negative Folgen auch für Unternehmen im Nordschwarzwald haben", meint IHK-Präsident Burkhard Thost, fügt aber hinzu: "Insgesamt sind die mittel- und langfristigen Folgen des Austritts Großbritanniens aus der EU bis auf Weiteres nur schwer absehbar. Mit dem Wegfall der EU-Regelungen für ­den Wirtschaftsverkehr zwischen Deutschland und Großbritannien könnte für Unternehmen eine ­Phase der Unsicherheit oder gar des Stillstandes beginnen."

Nachdenkliche Töne schlägt der frühere Horber Oberbürgermeister und jetzige Europa-Abgeordnete Michael Theurer (FDP) an: "Eine EU ohne Großbritannien bedeutet, dass wir eine Revitalisierung der europäischen Idee brauchen. Gerade heute, wo Menschen für die Idee der Europäischen Union auf die Straße gehen, müssen wir uns nicht verstecken. Im Gegenteil – wir müssen ernsthaft die Frage stellen, was wir in Zukunft sein wollen, welchen Herausforderungen wir gegenüberstehen, wo unsere Prioritäten liegen. Wir brauchen eine lebendige Debatte – für ein lebendiges Europa."

Ein lebendiges Europa – wie etwa an der Haustür von Frercks Hartwig. Das beweist: Die sogenannte "Pulse of ­Europe"- Bewegung spielt sich nicht nur in den europäischen Metropolen ab, sondern auch im kleinen Dettingen.

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