Horb - Rektor Eugen Gamerdinger und sein Lehrer-Team machen einen entspannten Eindruck – dabei wartet in den kommenden Wochen und Monate eine besondere Herausforderung auf sie: die Gemeinschaftsschule.

Alles macht einen akkuraten Eindruck im Raum, der sonst für freie Angebote zur Verfügung steht. Im Schrank stehen beispielsweise Brettspiele, die die Schüler spielen können. An diesem Nachmittag sitzen an den Tischen der Rektor der Werkrealschule, sein Stellvertreter Hans-Jörg Heinrich sowie die Lehrer Katharina Hempel, Melanie Müller, Thomas Rubik und Steffen Pfeffer. Zusammen mit weiteren Lehrern feilen sie derzeit am Konzept der Gemeinschaftsschule, nachdem Horb den Zuschlag von der Landesregierung erhalten hat.

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"Wir sind bereits gut vorbereitet auf die Gemeinschaftsschule", sagt Rektor Gamerdinger. Bereits seit 2005 habe man eigentlich schon den Weg eingeschlagen, obwohl man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst habe, dass am Ende eine Gemeinschaftsschule herauskommen könnte.

2005 wurde die freiwillige Ganztagsschule eingeführt. Und das mit großem Zuspruch. Denn 99 Prozent der Schüler nehmen mittlerweile dieses Angebot in Anspruch. Auf das zusätzliche Nachmittagsangebot kann die Schule nun aufbauen, wenn ab September die Gemeinschaftsschule startet. Aus 25 Arbeitsgemeinschaften können die Schüler wählen. Mittags gibt es eine Hausaufgabenbetreuung. Gamerdinger: "Wir geben den Eltern die Garantie, dass die Kinder wirklich mit der Schule fertig sind."

Doch es gibt auch viel Neuland. Denn künftig steht das individuelle Lernen noch mehr im Vordergrund. Für die Lehrer beginnt eine Fahrt ins Unbekannte. Doch sie wirken motiviert. Kompetenzraster und Lerntagebuch sind die Schlagwörter. Noten rücken in den Hintergrund. Für Menschen, die bisher nur die starren Schulstrukturen kennen, in denen der Lehrer vorne unterrichtet und am Ende Klassenarbeiten geschrieben haben, wirkt das vielleicht befremdlich. "Bei uns spielt das individuelle Lernen aber schon jetzt eine große Rolle", berichtet Gamerdinger.

Jetzt wird sozusagen eine Raketenstufe draufgesetzt. Der Schüler soll, wenn er auf die Schule kommt, "abgeholt" werden: Wo steht der Schüler? Was sind die Ziele? Letztere sollen mit dem Schüler gemeinsam erarbeitet werden, berichtet Katharine Hempel. So werde eigenverantwortliches Lernen trainiert. Der klassische Unterricht wird zwar der Ausgangspunkt bleiben, aber die Lehrer werden auch zu "Coaches", die jeweils eine Gruppe von acht bis zehn Schülern individuell begleiten, wie Steffen Pfeffer erklärt.

Individuelles Lernen im Vordergrund

Bedeutend wird es, dass der Schüler sein Lernen selbst reflektiert, was beispielsweise auf der Grundlage eines Lerntagebuchs geschehen soll, in das der Schüler seine zuvor mit dem Coach besprochenen Ziele einträgt. So wird es möglich, dass entstandene Lücken individuell aufgearbeitet werden können, der Schüler andererseits aber auch nicht seine Lernfortschritte aus den Augen verliert.

Lernen ist kein gleichschrittiger Prozess mehr, sondern wird je nach Schüler unterschiedlich ausgestaltet, so Melanie Müller. Auch die Eltern werden in die Verantwortung genommen. "Die Eltern sind ein wichtiger Baustein. Sie sollen ein Feedback bekommen, aber auch in die Verantwortung genommen werden", sagt Pfeffer.

Und was ist mit den klassischen Noten? Die wird es weiterhin geben, wie Thomas Kubik aufklärt. Allerdings verlieren sie an Bedeutung. So können die Schüler im ganzen Schuljahr Leistungsnachweise erbringen. Die Test werden individuell auf das Leistungsprofil des Schülers abgestimmt. Doch ist das nicht zu locker? "Spätestens in der Abschlussklasse muss Tacheles geredet werden", sagt der Rektor.

Weg vom klassischen dreigliedrigen Schulsystem Hauptschule, Realschule und Gymnasium – die Grenzen verschwimmen. Das System wird durchgängiger. Das gilt auch für die Inklusion, die Einbindung von körperlich und geistig behinderten Menschen. "Diese Inklusion findet aber jetzt schon statt", berichtet Gamerdinger. Man arbeitet mit der Pestalozzis- und Rossbergschule zusammen.

Doch auch die räumlichen Voraussetzungen müssen für die neue Schulart stimmen. Konrektor Hans-Jörg Heinrich holt eine lange Wunschliste hervor. Denn auch wenn nur die fünfte Klasse im September als Gemeinschaftsschule startet, müsste sich etwas tun. "Zwei naturwissenschaftliche Fachräume erwarten wir bis zum Start im September", lautet das deutliche Ziel. Adressat ist die Stadt Horb. "Die Stadträte hätten mit diesem Wissen für die Gemeinschaftschule gestimmt, deswegen gehe ich davon aus, dass dies in den Köpfen ist", so Gamerdinger.

Ob es Zuschüsse gibt, ist noch nicht klar. Denn das Regierungspräsidium hat erklärt, dass mit der Gemeinschaftsschule noch keine Entscheidung für finanzielle Unterstützung zugesagt ist. Doch für das neue Konzept des individuellen Lernens gibt es noch einiges Verbesserungspotenzial: Internetanschluss in Klassenzimmern oder so genannte Lernateliers sind Wünsche, die Heinrich äußert. Wer A sagt, muss auch B sagen?