Horb a. N. Hochstapler: Patienten ausgeliefert

Florian Ganswind, 23.04.2012 10:09 Uhr

Sindelfingen/Horb - "Sie können uns Ihre Unterlagen schicken oder sie am ersten Tag vorbeibringen." So schildert Sascha Steffatschek die Worte von Reinhard Langner, Chefarzt der Anästhesie im Krankenhaus Horb. Für den Hochstapler war die Entscheidung schnell getroffen. Als Dr. Sascha Schenk wollte er kein Risiko eingehen.

"Ich habe mir natürlich gedacht: Sicher ist sicher", erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Es ist der 8. Januar 2010. Ein verhängnisvoller Tag für die Horber Krankenhausleitung. Und für viele Menschen im Kreis Freudenstadt, die in potenzielle Gefahr geraten. Denn "Dr. Sascha Schenk" ist kein richtiger Arzt, sondern nur ein Hauptschüler mit einem besonderen Faible für Medizin.

Schon vor dem Landgericht Stuttgart wurde im Mai vergangenen Jahres deutlich, welche brenzlige Situation im Januar 2010 entstand. Als Notarzt sei Sascha Steffatschek in Horb anders als an der Paracelsusklinik in München ohne Absicherung gewesen. Er habe alleinverantwortlich über Leben und Tod der Menschen entschieden, so damals der Staatsanwalt. Jeder Bürger im Einsatzgebiet Horb und Umgebung sei ein potenzieller Patient gewesen. Die Patienten hätten keine andere Wahl gehabt und seien ihm hilflos ausgeliefert gewesen.

Genau zwei Jahre später hat der heute 28-Jährige die ersten Monate Gefängnis hinter sich und befindet sich im offenen Vollzug. Ende Mai werde er in Freigang kommen. Ab September will er seine Ausbildung als Altenpflegehelfer beginnen. Sein großes berufliches Ziel: Anästhesie- und Intensivassistent. Lernfähig oder auf dem Weg zur neuen Hochstaplerei?

"Wer einmal so etwas tut, tut es immer wieder"

Unsere Facebook-und Schwarzwälder-Bote-Online-Nutzer haben starke Zweifel, nach der ersten Veröffentlichung am vergangenen Mittwoch. "Dass er so unbefangen und normal mit der Angelegenheit umgeht, ist ein klares Indiz dafür, dass dieser Mann eine schwere Persönlichkeitsstörung hat. Er wird wieder versuchen zu täuschen. Da bin ich mir sicher", sagt eine Leserin auf Facebook (zu finden unter "Schwarzwälder Bote Horb"). "Als wenn man ihm glauben könnte. Wer einmal so etwas tut, tut es immer wieder", schreibt "Nici Le". Andere bewerten Sascha Steffatschek harmloser: "Er ist ein kleiner, geltungssüchtiger Mensch, der versucht hat ein Großer, ein Guter zu sein, und die Krankenhäuser haben ihn ohne Prüfung seiner Unterlagen eingestellt. Schuld sind die Krankenhäuser und nur begrenzt Herr S. Außerdem ist seine Haftstrafe lang, so mancher Vergewaltiger bekommt weniger!", sagt dagegen ein anderer Online-Leser.

Heute begegnet man einem selbstbewussten, jungen Mann, der zumindest so tut, als wüsste er genau, was er wollte – nach eigenem Bekunden selbstverständlich auf legalem Weg. Seine Einsätze als Assistenzarzt in München, als "Helfer vor Ort" im Rems-Murr-Kreis und als Notarzt in Horb bereue er. Und dass er in der Neckarstadt seinen heikelsten und gefährlichen Einsatz hatte, scheint ihm bewusst. "Jeden Tag hätte etwas schief gehen können."

Gleichzeitig jedoch zeigt sich Sascha Steffatschek – der auch über die Querelen um den Ex-Geschäftsführer Rainer Schmidhuber bestens Bescheid weiß – im Gespräch mit unserer Zeitung immer noch voll im Element. Vor Gericht seien neun Einsätze in Horb genannt worden. "Ich habe in meinen Akten aber noch Protokolle von 15 Einsätzen."

Der Familie des verstorbenen Mannes aus Starzach-Felldorf, bei dem er als Notarzt im Einsatz gewesen sei – ein Verschulden seinerseits konnte nicht nachgewiesen werden – habe er einen Brief geschrieben und sich darin entschuldigt. Resonanz habe er nicht erhalten. "Vielleicht brauchen sie einfach eine Zeit", klingen seine Worte verständnisvoll. In seiner Horber Zeit habe es zwei weitere Todesfälle gegeben, fügt er hinzu. Ein Mann sei erfolgreich wiederbelebt worden, aber im Krankenhaus gestorben. Bei einem weiteren Einsatz sei ein Mann schon tot gewesen, als er eingetroffen sei.

Zu seinen Einsätzen gehörte auch die Versorgung einer bewusstlosen Schülerin im Berufsschulzentrum und der Einsatz bei einer Firma im Industriegebiet. "Der Einsatz war sehr heikel, weil dort Nervengas ausgetreten war. Ich war als Erster vor Ort. Fünf Personen mussten danach noch auf die Intensivstation." Und auch seine Entlarvung in Horb, das er vor seiner "Notarzt-Zeit" durch eine Freundin aus Sulz-Fischingen und vom Mini-Rock-Festival kannte – ist Steffatschek sehr gut in Erinnerung. "Als diese Sache herauskam, schrie Herr Langner mich an. Aber ich habe da noch alles abgestritten." Das Vorgehen auf dem Horber Polizeirevier habe ihn dann selbst überrascht. "Sie haben sich mit meinen Personalien als Dr. Schenk zufrieden gegeben und mich gehen lassen", erzählt er und muss schmunzeln. Zwei Wochen lang tauchte Steffatschek dann unter.

 
 
Kommentare (2)
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APR
23
thatsit, 13:01 Uhr

@ J.R.

Ich kann J.R. nur beipflichten ! Aber es ist leider in unserer Gesellschaft dank miserabler Rechtsanwälte, miserabler Staatsanwälte und grottenschlechter Richter auch Standard geworden für kriminelle das ' Beste ' heraus zu holen. Es wird allzu oft mehr für die Täter getan als die Opfer. Kriminelle sind in Deutschland Gesellschaftsfähig geworden und die Medien beschönigen deren Tun und Handeln. Die Medien sind die Hände, welche zu Ohrfeigen für die Opfer ausholt, obwohl schon die juristischen Ohrfeigen spuren hinterlassen.

APR
21
J.R., 00:45 Uhr

Wozu

Warum gibt der Schwabo so einem noch eine Plattform? Der gehört eingelocht für mindestens 10Jahre! Man könnte in Deutschland den Eindruck gewinnen, dass bei Rot über die Ampel fahren mehr Strafe bringt als vielfache Körperverletzung usw. Wo führt das hin?