Horb a. N. Hausarzt: ein aussterbender Beruf

Schwarzwälder-Bote, 29.04.2012 21:15 Uhr

Von Peter Morlok

Horb-Dettingen. Die Zeiten von Pulver-Peter, wie die Dettinger ihren alten Landarzt Straubinger liebevoll nannten, sind vorbei. Damit auch die Therapiefreiheit und das unbegrenzte Leistungsspektrum, das der Dorfarzt hatte. Heute regieren wirtschaftliche Zwänge und Bürokratismus.Sie lassen den Ärzten kaum Freiheiten und diese müssen sich sehr wohl überlegen, was sie ihren Patienten verschreiben. Dort wo früher Arzttasche und die sieben Sinne reichten, diktiert heute das "Regelleistungsvolumina" den ärztlichen Alltag. 160 Euro bekommt der Arzt pro Rentner und 46 Euro für einen "Normalpatienten" pro Quartal. Mit dieser "Flatrate" sind alle Leistungen und medizinischen Verordnungen abgegolten.

Geht der Arzt 20 Prozent über dieses vorgegebene Budget hinaus, drohen ihm Regressansprüche der Krankenkasse. Ein Horber Arzt hat aus diesem Grund bereits seine kassenärztliche Zulassung zurückgegeben.

Kein Wunder also, dass der Dettinger Allgemeinmediziner Werner Bösch seinen Vortrag, zu dem ihn der Frauenkreis unter Leitung von Sieglinde Luft eingeladen hatte, unter das Motto: Der Landarzt – ein Auslaufmodell?" stellte. Ein Thema, das die Menschen bewegt. Wer möchte nach seinem Arztstudium noch weitere fünf Jahre eine Facharztausbildung machen, um sich später für seine Patienten aufzuopfern und dann auch noch dafür zu zahlen, dass er seine ethischen Ansprüche an sich und seinen Beruf vor die Interessen der Krankenkassen stellt?

Bösch schilderte Umstände, die den gut 90 Besuchern der Veranstaltung aus dem täglichen Leben nur allzu gut bekannt waren und sind. Chronisch Kranke, die oft mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen müssen, können sich nicht mehr darauf verlassen, dass sie "ihre" Medikamente bekommen. Ob die "neuen" Medikamente auch untereinander verträglich sind, darauf kann der Patient nur hoffen.

Die Ärzte stehen diesem ökonomischen Druck laut Bösch machtlos gegenüber und selbst in Zeiten hocheffizienter EDV-Programme blicke keiner mehr im Dschungel der Änderungen durch. Ein Medikament, das man morgens noch verschreiben durfte, könne am Nachmittag schon durch ein anderes ersetzt sein, so Bösch.

Neben dem finanziellen Risiko und der ethischen Belastung, die Bösch sarkastisch als "Patient versorgt – Praxis pleite" umriss, spielen natürlich auch infrastrukturelle Aspekte bei der Wahl des Arbeitsumfeldes eine große Rolle. "Bekommt mein Partner auf dem Land eine Arbeitsstelle?" und "Wie sieht es mit Schulen und Kindergärten aus?" sind zwei typische Fragen.

Vor diesem Hintergrund sei es nicht verwunderlich, dass allein im Kreis Freudenstadt sieben Allgemeinarztpraxen nicht besetzt sind – davon vier in Horb. Die ersten Folgen dieses Ärztemangels sieht Werner Bösch darin, dass immer weniger Ärzte für den Notdienst bereitstehen. Die Politik habe die Situation zwar erkannt und versuche gegenzusteuern, erklärt er, "aber wohin es führt, das muss man sehen".

Aus seiner Sicht geht der Trend im Hinblick auf die medizinische Versorgung des ländlichen Raumes weg vom Einzelkämpfer hin zu Praxisgemeinschaften mit Schwerpunkt innere Medizin. "Viele ländliche Regionen werden ihre Hausärzte verlieren", lautet seine Diagnose zum Patient Landarzt. "Gebt den Patienten ein iPhone und stellt einen Drucker nebens Bett – dann können wir das Rezept direkt ausdrucken", seine leicht überzeichnete Einschätzung zum medizinischen Morgen. "Der lebenserfüllende Beruf Hausarzt wird aussterben", lautete das nüchterne Fazit von Werner Bösch.

Zum Abschluss dieses sehr interessanten Vortragabends berichteten Schwiegertochter Martina und Sohn Michael von zwei Praxisausaufenthalten in Großbritannien und Amerika. Sie erzählten von zwei völlig konträren Versorgungsansätzen und der Kern ihrer Aussage war sehr tröstlich: In Deutschland ist die medizinische Versorgung viel besser als in diesen Ländern.

 
 
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