Von Joachim Lipp

Horb. Dank der Publikationen des Kultur- und Museumsvereins ist es hinlänglich bekannt, dass die Pilstrinker auf das beliebte Tannenzäpfle verzichten müssten, wenn nicht der in Horb geborene Fürstabt Martin Gerbert 1791 bei der Gaststätte "Zum Rothen Haus" eine Brauerei gegründet hätte, die heute unter dem Namen "Badische Staatsbrauerei Rothaus AG" firmiert.

Dass aber auch der ehemals größte Uhrenhersteller der Welt seine Wurzeln in der Neckarstadt hat, ist weitaus weniger bekannt, obwohl das Junghanssche Haus in der Hirschgasse und die Junghansstraße im Stadtteil Hohenberg an den Namen jener Schramberger Fabrikantenfamilie erinnern, die die gesamte europäische Uhrenfertigung revolutionierte.

Der Familienname Junghans lässt sich in den Horber Kirchenbüchern bis zur Mitte des 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Sogar der Vorname des Firmengründers Erhard Junghans, nach dem heute eine Uhrenmarke benannt ist, die eine spezialisierte Sparte besonders hochwertiger mechanischer Uhren umfasst, verweist offenbar auf eine alte Horber Familientradition. Als es am Sonntag, 7. August 1718, auf dem Schießplatz der Horber Schützengesellschaft auf der unteren Au zu einem tödlichen Schießunfall gekommen war, begegnete der unter Schock stehende Unglücksschütze vor dem Nordstetter Tor als Erstem dem Horber Bürger und Sattler Joseph Junghanß, der sich gerade in das vor der Stadt liegende "Hornaw Kürchlein" begeben wollte, das dem Heiligen Erhard geweiht war. Die 1460 erstmals erwähnte Erhardskapelle befand sich im Bereich des heutigen Horber Bahnhofs und wurde 1784 wegen häufiger Überschwemmungen aufgegeben und abgebrochen.

Das Strickerhandwerk ernährte die Familie in der Hirschgasse

Nikolaus Junghans, der Vater des Firmengründers, erblickte im Jahr 1784 das Licht der Welt in Horb am Neckar. Er erlernte bei seinem Vater Franz Joseph Junghans das Strickerhandwerk und fertigte mit ihm zusammen Kleidungsstücke aus selbst gefärbter Wolle. Der Großvater des Firmengründers wird im Horber Güterbuch von 1773 als "unbehauster Bürger" aufgeführt, das heißt, dass die Familie Junghans in der Hirschgasse 3 lediglich zur Miete wohnte, so dass von einem angeblichen Stammhaus keine Rede sein kann. Außer dem Bürgerrecht besaß jener Franz Joseph Junghans lediglich einen halben Jauchert Ackerland und für seine "Hanthierung" als "Strücker" wurde ein äußerst bescheidener Steueranschlag von 22 Kreuzer festgesetzt.

Das Strickerhandwerk ernährte die in der Hirschgasse wohnhafte Familie mehr schlecht als recht, weshalb sich Franz Joseph Junghans bei der Stadt um einen Posten als Torhüter bewarb. Im Ratsprotokoll des Jahres 1801 erscheint Junghans als Torhüter des Altheimer Tores, weil ihn drei Nordstetter Juden in aller Herrgottsfrühe vermöbelt hatten, als er von ihnen "das Thorgeld abforderte". Unter den Nordstetter Missetätern befand sich Samuel Auerbacher, ein Onkel des weltberühmten Schriftstellers Berthold Auerbach.

Auch das spärliche zusätzliche Einkommen als Torhüter reichte der Familie, die jetzt wohl im städtischen Torwärterhäuschen am Altheimer Tor eine mietfreie Unterkunft gefunden hatte, hinten und vorne nicht, denn im Jahr 1802 erschien die Ehegattin des Franz Joseph Junghans gleich mehrfach vor dem Horber Bürgermeister, um eine milde Gabe für ihre zwei Söhne zu erbitten, von denen der eine blind und der andere krank war. Als der Vater 1814 starb, erlag der junge Strickermeister Nikolaus Junghans den Lockungen der Armee, denn im Zeitalter der napoleonischen Kriege rührten die Werber überall im Land die Trommel für den Soldatenstand und versprachen Geld, reiche Beute, Abenteuer und Ehre.

Nikolaus Junghans folgte dem Ruf der Kriegstrommeln, wanderte nach Rothenburg ob der Tauber, um sich für die russische Armee anwerben zu lassen, die im Bündnis mit Preußen, Österreich und Britannien einen Befreiungskrieg gegen den Franzosenkaiser Napoleon führte. Um bei der Musterung eine gute Figur zu machen, steckte sich der etwas zu klein geratene Horber Baumrinde in seine Schuhe, die die fehlenden Zentimeter an Körpergröße wettmachen sollte. Die russischen Werber entdeckten den Schwindel aber gleich und jagten den gewitzten jungen Mann mit Stockschlägen und Fausthieben davon.

Von seinen Soldatenträumen geheilt, kehrte Junghans an den oberen Neckar zurück und machte sich der Not gehorchend als Handwerker auf die Wanderschaft, die ihn durch das Kinzigtal nach Zell am Harmersbach führte, wo er sich zunächst wiederum als Stricker verdingen konnte. Schon bald aber fand er als Taglöhner Arbeit in der florierenden Zeller Steingutfabrik. Dort freundete er sich mit dem aus Nordrach stammenden Steingut-Experten Isidor Faist an. Da er sich mit seiner durchs Stricken geschulten Fingerfertigkeit besonders geschickt anstellte, lernte man Junghans in der Steingutfabrik als Kupferdrucker, Zeichner und Former an.

Im Jahr 1820 heiratete Nikolaus Junghans die Tochter des Zeller Wundarztes Schönenberger. Aus seiner Ehe mit Barbara Schönenberger gingen die Söhne Xaver, Joseph und Erhard sowie die Tochter Magdalene hervor. Nach ihrer Schulentlassung gingen die drei Burschen an der Seite des Vaters ebenfalls in der Steingutfabrik des Lahrer Kaufmanns Lenz zur Arbeit. Ende der 1830er Jahre ereilte die Familie Junghans in Zell am Harmersbach der Ruf des ehemaligen Arbeitskollegen Haist, der in Schramberg eine eigene Steingutfabrik gegründet hatte. Mit der Aussicht auf einen besseren Verdienst packte die Familie Junghans 1841 ihren Hausrat zusammen und übersiedelte in die Fünftälerstadt, wo Nikolaus Junghans bis zu seinem Tod im Jahr 1845 in der Majolika-Produktion tätig war.

Während der älteste Sohn Xaver den Beruf des Schreiners erlernte und 1847 in die USA auswanderte, begann der jüngste Sohn Erhard beim Zürcher Kaufmann Johannes Tobler, der die Schramberger Strohfabrik leitete, eine zweijährige kaufmännische und technische Lehre. 1845 heiratete Erhard Junghans die Tochter seines Chefs und wurde neun Jahre später nach dem Tod des Schwiegervaters Teilhaber und Geschäftsführer der Strohfabrik. Als er für seine erfolgreiche Arbeit mehr Lohn verlangte und diesen nicht bekam, kündigte er und versuchte zusammen mit einem Schwager sein Glück mit einer Ölmühle, der allerdings wenig Erfolg beschieden war.

Mühlenbetrieb auf Fertigung von Uhrenteilen umgesattelt

Angeregt durch Ferdinand von Steinbeis, Leiter der "Königlichen Centralstelle für Gewerbe und Handel", befasste sich Junghans unter anderem auch mit der industriellen Herstellung von Uhrenteilen oder ganzen Uhren. 1859 begann ein lebhafter Briefwechsel über dieses Thema mit seinem nach Amerika ausgewanderten Bruder Xaver. Der Kaufmann Erhard Junghans sattelte daraufhin seinen Mühlenbetrieb 1861 auf die Fertigung von Uhrenteilen um. Mit Unterstützung seines Bruders Xaver begann 1862 die serielle Produktion von Großuhrteilen und vier Jahre später von kompletten Uhren mit den aus Amerika eingeführten Maschinen. Fortan stellten die beiden Brüder in arbeitsteiliger Fertigungsweise Uhrenteile her und legten damit den Grundstock für die Uhrenfabrik "Gebr. Junghans". Die Verbindung von Schwarzwälder Uhrmacherkunst mit der Technologie amerikanischer Massenfertigung leitete die industrielle Uhrenherstellung in Europa ein. Sie war zugleich die Grundlage der nun folgenden enormen Entwicklung der Firma Junghans und darüber hinaus der gesamten deutschen Uhrenindustrie. Nachdem Erhard Junghans 1870 in Schramberg verstorben war, wurde die Firma unter der Leitung seiner Söhne zunächst zum größten Uhrenhersteller Deutschlands. 1890 wurde der achtstrahlige Stern, der heute noch das Markenzeichen des Unternehmens ist, erstmals präsentiert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt die Firma bereits als größter Uhrenhersteller der Welt.