Horb a. N. Drei Jahre geht es auf die "Walz"
Schwarzwälder-Bote, 11.05.2012 20:42 UhrVon Heinrich Hellstern
Horb-Betra. Für den 20-jährigen Zimmerergesellen Kewin Glaser hat der morgige 13. Mai eine ganz besondere Bedeutung. Denn morgen nimmt der junge Mann nach einer großen Fete, die im Betraer Schützenhaus stattfindet, Abschied von seinen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden und zieht als Zimmerer auf die Walz.
Diese Tradition der Walz basiert auf einem langjährigen Brauchtum, das seine Wurzeln im Mittelalter hat. Damals war die Walz eine Notwendigkeit, denn wer Meister werden wollte, musste auf die dreijährige Walz und wurde in dieser Zeit von den Zünften, die es auch heute noch stellenweise gibt, so gut wie möglich betreut und beraten.
Der junge Zimmerergeselle Kewin Glaser hat es sich ebenfalls zum Ziel gesetzt, ein Meister in seinem Beruf zu werden. Über die übrigen Voraussetzungen verfügt er ebenfalls. Er hat eine dreijährige Zimmererlehre abgeschlossen und die Gesellenprüfung im Zimmererhandwerk erfolgreich abgelegt. Kontakte mit Wandergesellen, die auf der Walz unterwegs waren oder Informationen, die auf die Walz hinwiesen, gab es im Verlauf der dreijährigen Lehrzeit an verschiedenen Orten. So zum Beispiel im ersten Lehrjahr, als Kewin die Berufsakademie Reutlingen besuchte. Dort wurde er zum ersten Mal auf die Walz aufmerksam und nahm sich vor, so etwas später ebenfalls zu machen.
Später verfestigte sich dieser Entschluss. Zum Beispiel in Biberach, wo er das dortige Zimmererausbildungszentrum besuchte und dabei mancherlei Kontakte mit Wandergesellen hatte. Und nach diesen Kontakten und Gesprächen hat er sich, wie er selbst erinnert, regelrecht in die Idee der Walz hineingesteigert.
So erzählte er auch von einem seiner Ausbildungslehrer, der früher ebenfalls auf der Walz war und ihn mit der in Stuttgart ansässigen "Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen" bekannt machte. Und er hatte sogar die Gelegenheit, bei einem zünftigen Gesellenabend mit dabei zu sein.
Alle diese Kontakte führten schließlich dazu, dass Kewin in die Zunft der Zimmerergesellen aufgenommen und "eingebunden" wurde. Zum Zeichen der erfolgten Aufnahme erhielt Kewin die sogenannte "Ehrbarkeit" in Form einer schwarzen Krawatte. Und seit seiner Aufnahme in die ehrbare Zunft der Zimmerergesellen ist Kewin auch verpflichtet, die schwarze "Kluft" der Zimmerer zu tragen. Man unterscheidet dabei die sogenannte "Schniegelkluft", die man bei der Arbeit trägt, und die "Sprungkluft", in der die Wandergesellen unterwegs sind. Zur Kluft gehört ein weiter, breitkrempiger, schwarzer Hut, eine Melone oder ein Zylinder. Das weiße kragenlose Hemd, von dem die Zimmerer jeweils vier Stück besitzen, wird als "Staude" bezeichnet.
Während der Walz werden die Hemden immer wieder bei den jeweiligen "Meistern", bei denen die Gesellen arbeiten, gewaschen. Im Verlauf der insgesamt dreijährigen Walz führen die Wandergesellen ein "Wanderbuch" mit sich. In jeder Stadt oder an den verschiedenen Arbeitsorten bekommen die Wanderburschen einen Stempel ins Wanderbuch. Damit kann der Wanderbursche jederzeit nachweisen, wo er sich aufgehalten oder wo er gearbeitet hat.
Und noch eines ist ganz wichtig: Die jungen Zimmerergesellen sind verpflichtet, während ihrer Walz immer einen Abstand von mindestens 50 Kilometern zum Heimatort einzuhalten. Für Kewin dürfte diese alte Bestimmung kein Problem sein. Sein Ziel ist es nämlich, innerhalb der nächsten drei Jahre die große weite Welt zu erkunden. Ihm schwebt dabei vor, nach Möglichkeit auch Kanada und Australien zu besuchen.


