Horb a. N. Dreher: "Schluss mit Rossapfel-Politik"

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Stefan Dreher hatte gestern Unterstützung aus Hamburg in Horb: Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der der Linke-Bundestagsfraktion. Foto: Lück Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Jürgen Lück

Gezwungenermaßen Steuerexperte. Früher selbstständiger Messebauer, Gewerkschafter und Neu-Horber. Linke-Landtagskandidat Stefan Dreher kam gestern mit Jan van Aken, dem außenpolitschen Sprecher der Bundestagsfraktion.

Kreis Freudenstadt. Gaststätte "Gleis Süd" in Horb. Zwei Tage, nachdem Dreher mal wieder von einer Podiumsdiskussion von Haus & Grund in Waldachtal-Lützenhardt ausgeladen wurde (siehe Text unten), trumpft er diesmal auf: Mit Jan van Aken hat er einen der gewichtigsten Kritiker der Waffengeschäfte von Heckler & Koch in Oberndorf nach Horb geholt.

Und van Aken macht Dreher erst mal Mut: "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Linke es schafft, diesmal in den Landtag zu kommen. Nach den letzten Aussagen von Kretschmann und Palmer werden sich viele Linksgrüne überlegen, ob sie die Linke als Opposition in den Landtag wählen. Und das könnte klappen."

Dreher sagt: "Bei meinen bisherigen Kandidaturen in Böblingen und Göppingen habe ich es immer geschafft, einen Stimmenanteil leicht über dem Landesdurchschnitt zu holen. Hier im Landkreis Freudenstadt erlebe ich es zum ersten Mal, dass die Kandidaten der SPD und Grünen chancenlos sind. Das wäre für mich die Möglichkeit, mit acht Prozent in den Landtag zu ziehen."

Jan van Aken (zwischen 2012 und 14 Vize-Bundesvorsitzender) unterstützt ihn noch mal wie folgt: "Solch einen Kuschelwahlkampf wie jetzt in Baden-Württemberg habe ich noch nie erlebt. Das zeigt, dass Die Linke gebraucht wird. Nur wir stellen Fragen und bringen Skandale wie das mit dem G 36 von Heckler & Koch ans Tageslicht. Und damit schaffen wir Transparenz."

Dreher packt noch ein kerniges Zitat drauf: "Seit Jahren wird Rossapfel-Politik gemacht. Die Politik füttert die Pferde, und wir Spatzen streiten uns um die Rossäpfel!" Van Aken: "Natürlich müssen Steuererhöhungen her. Es kommt nur drauf an, wer mehr zahlen muss. Unser Vorschlag: Alle über 6000 Euro Einkommen im Monat zahlen mehr, alle unter 6000 Euro weniger Steuern. Damit es nicht dazu kommt, was wir jetzt in der Großen Koalition mit der Asylpolitik erleben: Die spielen die Flüchtlinge gegen die 20 Prozent der untersten Schicht aus." Der Landtagskandidat aus Horb hat also Hoffnung. Doch womit will er bei den Wählern vor Ort punkten? Dreher: "Falls es mit dem Landtag klappen sollte, werde ich mich im Bereich Infrastruktur oder Arbeit einsetzen."

Doch was sind seine wichtigsten Themen für den Landkreis Freudenstadt? Dreher: "Mit dem Bahnhof in Horb steht der Speckgürtel von Stuttgart vor der Tür. In Herrenberg, Böblingen und Tübingen herrscht große Wohnungsnot. Die wird hier bald ankommen. Insofern fand ich den Vorschlag der OGL gut, eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft zu gründen. Wenn die intelligent so wie in München vorgeht – ein Teil Luxuswohnungen, ein Teil normale Wohnungen, ein Teil Sozialwohnungen, dann wird Horb in ein paar Jahren eine ganz andere Bevölkerungsstruktur haben. Vor diesem Hintergrund macht das Einkaufszentrum dann einen Sinn." Ein weiteres Thema sind bessere Straßen. Dreher: "Freudenstadt ist super an Stuttgart und Karlsruhe angebunden. Aber nur, wo die Bahn fährt. Radwege machen nur Sinn für den Tourismus. Das hier im ländlichen Raum das Auto durch das Rad ersetzt wird, ist völlig illusorisch. Wir brauchen pragmatische Lösungen –­Geld für vernünftig ausgebaute Straßen." Dreher gibt zu, dass er sich damit konträr zur "Entschleunigung" im Wahlprogramm der Linken stellt. Er sagt: "In der Region Stuttgart ist der ÖPNV hervorragend ausgebaut. In Freudenstadt nicht. Hier mit Ideologie zu kommen, ist Quatsch."

Wer ist Stefan Dreher? Gelernter Automechaniker. Dann selbstständiger Messebauer. Nach der Wende machen ihm dann nach eigener Aussage tschechische Schreinermeister, die für "zwei Mark die Stunde" arbeiten, das Geschäft kaputt. Er wechselt in die Folienschriften, wird dann IT-Software-Vertriebler in Reutlingen. Der große Deal mit MTU und Stuttgarter Hofbräu platzt, weil nach dem Attentat des 11. September ein Investitionsstopp verhängt wird. Dann fängt er in der IG Metall an. 2006 fragt ihn Ulli Maurer, ob er mit ihm zu den Linken (damals WASG) wechselt.

Inzwischen ist Dreher Mitarbeiter von Richard Bitterle, dem steuerpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion der Linken. Dreher: "So bin ich gezwungenermaßen Steuerrechtsexperte geworden. Das ist nicht einfach –­ normalerweise bin ich kurz und knackig. Doch wenn ich erklären soll, warum die Stadt Sindelfingen wegen eines handwerklichen Fehlers Gewerbesteuer zurückzahlen muss, brauche ich zehn Minuten dafür."

Letztes großes Thema: die Flüchtlinge. Dreher: "Obwohl mir das als Linker weh tut, muss ich die Verantwortlichen im Landkreis loben: Egal, ob Landrat Rückert, der Rosenberger, der Osswald oder der Beck – aufgrund des beherzten Vorgehens der Verantwortlichen ist es nicht so, dass wir das mit den Flüchtlingen im Landkreis nicht schaffen."

Deshalb hat er auch eine klare Meinung zu den geplanten Erstaufnahmereinrichtungen in Horb. Dreher: "Es ist der größte Kollateral-Nutzen, wenn wir bald nicht nur 180 Plätze für Flüchtlinge in Horb haben, sondern später auch Sozialwohnungen."

Die Syrer würden inzwischen zum Stadtbild von Horb gehören und Dreher wartet nur darauf, dass ein Syrer ein Lokal aufmacht: "Das Essen finde ich unheimlich lecker."

Und was ist, wenn er wirklich im Landtag landet? Dreher: "Mir ist wichtig, Transparenz herzustellen. Deutlich zu machen, was die Beschlüsse des Landtags für die Menschen bedeuten. Dass die Bürger die Konsequenzen nicht erfahren, sondern verstehen. Nur so geht linke Politik. Was herauskommt, wenn man linke Politik gegen das Volk macht, sieht man an der DDR."

Stefan Dreher. Wegen der Liebe ist er nach Horb gezogen. Klare linke Argumente und ein bodenständiger Mann.

Jan van Aken dagegen ist ein typischer Hamburger. Nur, dass er wahrscheinlich wegen des "sonnigen Südens" seinen Kapuzen-Pullover vergessen hat. Er bezieht noch mal Stellung zu Heckler und Koch: "Einmal gibt es Befürchtungen – ­auch auf höherer Ebene, dass die Heuschrecke ihr Geld aus Oberndorf herauszieht. Ich fordere ein Verbot der Kleinwaffen-Exporte. Damit werden weltweit 80 Prozent der Menschen umgebracht – nicht von Panzern, Fregatten oder Drohnen. Und die stellt Heckler und Koch her." Deshalb fordert van Aken, dass der Staat mit dafür sorgt, dass das Unternehmen seine Produktpalette umstellt. Selbst wenn dieser Versuch scheitere, koste das keine 1000 Arbeitsplätze inklusive der Zulieferer.

  
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