Horb a. N. Dommelsberger Bub auf riskanter Klettertour

Schwarzwälder-Bote, 27.07.2012 20:42 Uhr

Von Joachim Lipp

Horb. Für die Kustodin des Horber Stadtmuseums Agnes Maier war der Kultur- und Museumsverein wieder einmal der letzte Rettungsanker. Der Vorstand beschloss einstimmig, ein kürzlich angebotenes Gemälde des aus Horb-Dettensee stammenden Malers Salomon Hirschfelder (1831 – 1903) als Leihgabe für das Stadtmuseum zu erwerben.Die Stadtverwaltung hatte sich nicht in der Lage gesehen, für die Anschaffung eines Kulturgutes Horber Provenienz die nötigen Finanzmittel aufzubringen.

Fotostrecke2 Fotos

Was für Nordstetten Berthold Auerbach ist, ist für Dettensee Salomon Hirschfelder. Beide Horber Teilorte sind ehemalige Judendörfer, die zumindest einen großen Sohn jüdischen Glaubens vorweisen können. Auf den einst weltberühmten Schriftsteller, an dessen 200. Geburtstag heuer mit einer Jubiläumsausstellung erinnert wird, verweist im Literaturland Baden-Württemberg das Berthold-Auerbach-Museum im Nordstetter Schloss, das auf Betreiben des Kultur- und Museumsvereins 1986 von der Marbacher Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten eingerichtet worden ist.

An den Genremaler aus Dettensee erinnert das Hirschfelder-Zimmer im Stadtmuseum, das im Bürgerkulturhaus am Marktplatz untergebracht ist und mit der "Brotvisitation" und dem "Dienstmädchenbüro" zwei herausragende Gemälde besitzt, die ebenfalls auf Betreiben des Kultur- und Museumsvereins als Leihgaben des Landes Baden-Württemberg 1982/83 nach Horb gekommen sind.

Einer der Initiatoren, der sowohl das Auerbach-Museum als auch die Hirschfelder-Sammlung mit auf den Weg gebracht hat, ist der damalige zweite Vereinsvorsitzende Bernd Ballmann, der sich heute an seinem Wohnsitz in London darüber freut, dass das Hirschfelder-Zimmer völlig unverhofft wieder Zuwachs bekommen hat.

Getreu dem Horber Motto "M’r loand’s wia’s isch", fand der jetzige Vorsitzende Joachim Lipp im Horber Rathaus in Sachen musealem Kunsterwerb wie Bernd Ballmann vor 30 Jahren immer noch dieselbe Konstellation vor. Damals konnte die Stadt Horb als einzige Bedingung für die Option Leihgabe-Erwerb der "Brotvisitation" durch das Land Baden-Württemberg nur einen Passus voll erfüllen: "Der Museumsträger muss außerstande sein, den Kunstgegenstand zu erwerben." Auch heuer kamen die Mäuse offenbar mit verheulten Augen die Rathaustreppe herunter, als ein Kunsthändler aus dem bayerischen Gilching der Neckarstadt aus Familienbesitz ein Hirschfelder-Bild aus der Motivreihe "Kinder in Not" für 5000 Euro zum Kauf anbot.

Per E-Mail erreichte der Hilferuf von Agnes Maier, die sich in ihrer Not vergeblich noch um den Erwerb durch private Käufer aus Horb bemüht hatte, letztlich wieder einmal den Vorsitzenden des Kultur- und Museumsvereins, an den die Stadtoberen bei möglichen Ankäufen von Kulturgütern Horber Provenienz gerne salopp verweisen.

Da das Gemälde an ein Auktionshaus und damit in den internationalen Kunsthandel abzuwandern drohte, trommelte Lipp im Eilverfahren seine Ausschussmitglieder zusammen, die Vereinskassier Stefan Reichel sogleich den einstimmigen Auftrag erteilten, das für den Erwerb des Gemäldes fehlende Geld bereit zu stellen.

Dank des großzügigen Entgegenkommens des Kunsthändlers, der den lokalen Bezug des Bildes respektierte und sich sogar darüber freute, dass das Gemälde in seine Heimat zurückkehren kann, erhielt der Verein noch einen ansehnlichen Preisnachlass.

Zwischenzeitlich hängt das vom Kultur- und Museumsverein erworbene Gemälde im Stadtmuseum zwischen der "Brotvisitation" und dem "Dienstmädchenbüro". Es ist geritzt signiert und datiert mit "Domelsberg März 1874".

Das Bild zeigt einen Dommelsberger Jungen, der offensichtlich als Lesefreund einiges aufs Spiel setzt, um an Lesestoff zu kommen. Er klettert über einen Stuhl aufs Bett, um ein Buch aus der bescheidenen Bibliothek auf dem darüber hängenden Regalbrett zu holen.

Damit legt der Junge aus dem zwischen Dettensee und Wiesenstetten gelegenen Weiler Dommelsberg eine Verhaltensweise an den Tag, die in der digitalisierten Welt der heutigen Kinder und Jugendlichen zumindest atypisch ist.

Mit der Datierung 1874 passt die neue Leihgabe in die Zeit des Dettenseer Interieurs, das ebenfalls im Stadtmuseum ausgestellt ist. Bei diesem Gemälde, mit dem Salomon Hirschfelder 1873 bei einem Besuch in Dettensee die Wohnstube seiner Eltern in Öl festgehalten hat, ist die Signatur ebenfalls geritzt. Dank des finanziellen Engagements des Kultur- und Museumsvereins verfügt die Stadt Horb im klitzekleinen Hirschfelder-Zimmer auch weiterhin über die größte Hirschfelder-Ausstellung, die es derzeit weltweit gibt.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen