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Horb a. N. Auch Finanzamt plünderte Juden aus

Angela Baum, vom 29.11.2011 05:30 Uhr
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Mika Shapiro aus Israel zeigt sich geschockt über die Schicksale der Rexinger Juden, die von den Nazis umgebracht und ausgeraubt wurden. Auch ihre Großeltern wurden ermordet. 
 Foto: Hopp
Mika Shapiro aus Israel zeigt sich geschockt über die Schicksale der Rexinger Juden, die von den Nazis umgebracht und ausgeraubt wurden. Auch ihre Großeltern wurden ermordet. Foto: Hopp
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Horb-Rexingen - Am Sonntag wurde die Ausstellung "Die Nachbarn werden weggebracht" in der ehemaligen Synagoge in Rexingen eröffnet. Auch Gäste aus Israel nahmen teil.

Von den 57 Menschen, die 1941 aus Rexingen und Mühringen nach Riga deportiert wurden, überlebten nur zwei. Alle anderen wurden ermordet. Überlebt haben nur Sally Lemberger und Berta Schwarz, sie wurden 1945 von der russischen Armee befreit. Dem Schicksal der 57 Deportierten spürt die Ausstellung nach. Sie versucht, sich mit Fotos und Namen sowie den Biografien der Betroffenen den einzelnen Lebensgeschichten anzunähern.

Barbara Staudacher und Heinz Högerle vom Synagogenverein Rexingen sprachen zur Ausstellung und erklärten die Dokumente und Hintergründe zur Deportation jüdischer Mitmenschen nach Riga. So war man im Staatsarchiv Sigmaringen auf Aktenbestände des Finanzamts Horb gestoßen, die sehr plastisch verdeutlichen, dass die Deportation und Ermordung jüdischer Bürger nicht zu trennen ist von deren vollständiger Ausraubung.

"Unglaubliches Dokument des Zynismus"

Eine Auswahl der gefundenen Dokumente wird in der Schau gezeigt. So etwa ein Schreiben des damaligen Oberfinanzpräsidenten von Württemberg an die Leitung des Finanzamts Horb. Högerle sagte, dass es ein "unglaubliches Dokument des Zynismus und der Gier und Selbstbereicherung" sei. Darin heißt es, dass Sofas und Couchen an ihn einzusenden seien, ebenso elektrische Heizöfen und Unterhaltungsspiele.

Dem Horber Amtsleiter sicherte der Oberfinanzpräsident zu, dass Schreib- und Arbeitstische, Schränke, Sessel und Stühle sowie Teppiche, die in Geschäftszimmern verwendet werden können, dem Finanzamt zur Verfügung gestellt werden. Den übrigen Finanzämtern bot er an, Bodenteppiche und Bilder zu bekommen, "sofern diese bis dahin noch vorhanden sind". Eine andere Tafel dokumentiert, dass die NS-Frauenschaft Horb beim Finanzamt wie bei einem Versandhaus aus dem Hausrat der verschleppten jüdischen Familien bestellte – und auch geliefert bekam. Auch sind Anzeigen abgebildet, mit denen das Finanzamt Horb die Versteigerungen des Hausrats der jüdischen Familien in Baisingen und Rexingen ankündigte.

Heinz Högerle sagte, dass die Einwohner in Rexingen und Baisingen mitbekommen hatten, welche Angst die jüdischen Nachbarn erfasste, als sie von den Deportationen hörten. Man hatte gesehen oder davon gehört, wie die Finanzbeamten die Häuser versiegelten. Hausrat wurde in die geschändete Synagoge in Rexingen gebracht, um ihn dort zu lagern. "Bei der Lektüre dieser Anzeigen habe ich mich gefragt, was die nichtjüdischen Bürger dachten, als sie sahen, wie das Vermögen der jüdischen Nachbarn verschoben, verkauft und verramscht wurde."

Auf dem Killesberg mussten die jüdischen Bürger dann erfahren, dass ihr gesamtes Hab und Gut an das Deutsche Reich gefallen war. Die Deportation wurde von den Nazis als Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland gewertet – damit konnte das Vermögen der jüdischen Familien an das Deutsche Reich gehen. Die Ausstellungstafeln beginnen und enden mit der Familie Esslinger – es wird gezeigt, wie jüdische Familien nach der Pogromnacht 25 Prozent ihres Vermögens bezahlen mussten, bis hin zur materiellen Vernichtung. Ebenfalls wird deutlich, dass es Familien nach 1945 nur sehr schwer möglich war, für geraubten Hausrat eine Entschädigung zu erlangen.

Auch Gäste aus Israel nahmen an der Ausstellungseröffnung teil: Amos Fröhlich und Mika Shapiro. Amos Fröhlich wird auch mit nach Stuttgart gehen, um dort an der zentralen Gedenkveranstaltung für die Menschen, die nach Riga deportiert wurden, teilzunehmen.

Weitere Informationen:

Die Ausstellung ist jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr in der Synagoge geöffnet.

Kommentare (1)
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NOV
29
09:00 Uhr, geschrieben von Roland Späth
Nichts anderes erwartet
Hatte jemand geglaubt, das Inventar wäre vernichtet worden, weil es zuvor in jüdischem Besitz war? Doch sicher nicht! Beschämend allerdings die bis heute wohl nicht wirklich bekannte Tatsache, dass sich, wie hier gezeigt, die NS Frauenschaften, BDM etc. reichlich bedienten. Bisher war lediglich bekannt, dass sich Polizeidirektionen, SA und SS etc. bereicherten. Insofern ist diese Ausstellung ein Wert, den man über die Grenzen hinaus tragen müsste, um endlich dem "wir wussten wirklich nichts" ein Ende zu bereiten und gleichzeitig den Makel, der jetzt an den Horber Bürgern hängt, zu relativieren. Sie waren sicher nicht die Einzigen, lediglich "zu blöd, diese Dokumente zu vernichten". Es dürfte in jedem Flecken Deutschlands genau so vonstatten gegangen sein, wie in Horb. Es wäre sicher gut, die Namen der Profiteure bekannt zu machen, um ihren resp. deren Nachkommen heutigen Status an Hand dessen, was sie sich einverleibten, zu messen und den Nachkommen evtl. ein wenig Demut abzuverlangen. Nicht selten wird das "NS Gen dominant vererbt".
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