Höhenflug Seehofers neue Angriffslust

Patrick Guyton, 22.05.2012 15:20 Uhr

München - Bayerns Ministerpräsident Seehofer sieht sich und seine CSU im Aufwind. Nun will er es wissen und im Freistaat um die absolute Mehrheit kämpfen – auch gegen Kanzlerin Merkel.

Oftmals hat Horst Seehofer so ein süffisantes Lächeln um die Mundwinkel, das sich nicht immer deuten lässt. Öffentlich war das zuletzt Anfang vergangener Woche zu sehen, als er nach seiner Zornesrede gegen den nordrhein-westfälischen CDU-Verlierer Norbert Röttgen und die Berliner Koalition zu ZDF-Moderator Claus Kleber sagte: „Sie können das alles senden, was ich gesagt habe.“ Was empfindet der bayerische Ministerpräsident in solchen Momenten, was treibt ihn um? Ist es eine eher harmlose spitzbübische Heiterkeit? Boshaftigkeit? Bitterer Sarkasmus?

Es ist nicht leicht, das voneinander zu unterscheiden. Seit kurzem fühlt er sich mit seiner Partei wieder obenauf – in Bayern wie auch als Machtfaktor in der Berliner Koalition. Bei einem Besuch im Landkreis Erding sagte er kürzlich, als er die dortige Badetherme besuchte: „Ich habe das Gefühl, dass ich im gelobten Land bin.“

Vieles läuft gerade richtig gut für Seehofer. Seine Facebook-Party in der Münchner Nobeldisko P1 war trotz beißender Oppositionskritik ein medialer Erfolg. Die Christsozialen zeigten, dass sie fit im Internet sind und sich mit einfachen Mitteln ins Gespräch bringen können.

Umfrage: Christsozialen liegen im Freistaat bei beachtlichen 46 Prozent

Für sein ZDF-Wutinterview erhielt Seehofer begeisterte Zustimmung. In Berlin machte er Schlagzeilen mit seiner bockigen Ankündigung, nicht mehr in den Koalitionsausschuss zu kommen, solange CDU und FDP das vereinbarte Betreuungsgeld auf die lange Bank schieben. Im „Focus“ legte Seehofer nach: Er sehe sich im Recht, „im Bund ein gehöriges Stück mitzureden, wenn es um die richtige Richtung geht“. Und nach der jüngsten – allerdings von der CSU beauftragten – Emnid-Umfrage liegen die Christsozialen im Freistaat bei beachtlichen 46 Prozent. Die absolute Mehrheit der Mandate bei der Landtagswahl im Herbst kommenden Jahres – CSU und FDP streben den 15. September 2013 als Wahltag an – ist für die Christsozialen wieder in ­greifbare Nähe gerückt.

Seehofer, so scheint es, ist in Bayern angekommen. Endlich, nachdem er im Oktober 2008 nach der für die CSU verheerenden Landtagswahl das glücklose Duo aus Erwin Huber und Günther Beckstein beim Parteivorsitz und als Ministerpräsident abgelöst hatte. Aber außer dass Bayern insgesamt toll ist, schien er kein richtiges Thema für seine Amtszeit zu finden. Parteimitglieder wie etwa eine Ortsvereinsvorsitzende aus dem Münchner Süden klagten vermehrt: „Man weiß nicht mehr, was der will. Mal heißt es hü und dann wieder hott.“

Der Shooting-Star Karl-Theodor zu Guttenberg machte Seehofer ab dem Sommer 2010 mehr und mehr zu schaffen. Plötzlich wurde der CSU-Chef als ein Mann beschrieben, der seine beste Zeit hinter sich hat und zu große, schlabbrige Anzüge trägt – während der oberfränkische Baron eine neue Mischung aus Wahrhaftigkeit und Glanz versprühte. Doch Seehofer zeigte sich wieder kampfeslustig: Er demütigte seinen FDP-Koalitionspartner, der mit den beiden blassen Ministern Martin Zeil (Wirtschaft) und Wolfgang Heubisch (Wissenschaft) nur ein Schattendasein fristet. Und er flirtete heftig mit den Grünen und deren Fraktionschefin Margarete Bause. Auf die Frage, ob er Bayerns erster grüner Ministerpräsident werden wolle, antwortete er nur: „Ja.“ Und lächelte dieses Lächeln.

 
 
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