Hechingen - Kampf bis zur letzten Patrone: Im Prozess um die Raubüberfälle auf Schrotthändler in Hechingen und Balingen wird es keinen »Deal« geben.

Für Anwalt Bernd Behnke hätte es gestern ein erfüllter Tag werden können in Hechingen. Er war mal wieder beim Friseur, hat Schwäbische Maultaschen zu Abend gegessen und die frische Luft auf ausgiebigen Spaziergängen durch den Fürstengarten genossen. »Hechingen ist ein schönes Städtchen«, findet Behnke. Alleine: Er war nicht zur Erholung da. Er verteidigt einen der vier Angeklagten, die die Schrotthändler überfallen haben sollen.

Das Problem: Behnkes Mandant hat längst gestanden, zwei weitere Räuber ebenfalls. Nur der 44-jährige mutmaßliche Drahtzieher schweigt weiter, und dessen Anwalt Klaus Schön aus Konstanz lässt keine Gelegenheit aus, den Prozess auszubremsen und die Kammer des Landgerichts um ihren Vorsitzenden Herbert Anderer zu provozieren.

Elf Stunden lang dauerte der gestrige Verhandlungstag, der mittlerweile 17. seit dem Beginn des Prozesses im September. Aber das Verfahren kam inhaltlich keinen Zentimeter weiter. Dabei hatte der Tag verheißungsvoll begonnen: Kammer und die die Verteidiger trafen sich bereits eine Stunde vor Verhandlungsbeginn, um die Möglichkeit einer Einigung auszuloten: Geständnis des 44-jährigen Angeklagten gegen Zusicherung einer geringeren Strafe. Um 10 Uhr meldete Richter Anderer, dass die Gespräche »ohne Ergebnis« abgebrochen worden waren. Schön wollte höchstens vier Jahre Haft für seinen Mandanten, der Staatsanwalt acht Jahre. Kein »Deal« möglich.

Am Wochenende bis zu 2500 Euro »verjubelt«

Die eigentliche Verhandlung begann mit der Vernehmung einer weiteren Zeugin, die auf Antrag von Schön geladen worden war – eine Bekannte des 44-Jährigen, die oft mit dem Angeklagten in Spielotheken unterwegs war. Die 32-jährige Frau berichtete, dass sie wochenends viele Stunden die Geldautomaten gefüttert hatten und der Angeklagte am Wochenende bis zu 2500 Euro »verjubelt« hätte. Er habe bis zu 1800 Euro Gewinn am Gerät erzielt, aber nicht aufgehört, sondern alles wieder verzockt, »bis auf zwei Euro runter«. Außerdem wurde die Ex-Freundin des 44-Jährigen noch einmal kurz vernommen. Die Zeugenaussagen belegten offenbar nichts, was im Prozess so oder so ähnlich nicht schon einmal gefallen war.

Schön ließ trotzdem nicht locker. Er beantragte, weitere Zeugen zu hören, mit dem Ziel, die Glaubwürdigkeit der drei geständigen Komplizen zu untergraben. Die Kammer lehnte ab, Schön stellte die nächsten Befangenheitsanträge gegen die Kammer. Rund zwei Dutzend Anträge hat Schön bereits gestellt, ein wohl einmaliger Vorgang in der jüngeren Geschichte der Hechinger Justiz. Härteste Provokation: Der Anwalt hielt Anderer vor, die Unwahrheit gesagt zu haben. Überhaupt nutzte Schön die geringste Lücke, um die Kammer in den Verdacht der Befangenheit zu rücken. Ein Argument: An dem Einigungsgespräch am Morgen hätten nur die drei hauptamtlichen Richter teilgenommen, nicht die beiden Schöffen.

Überhaupt erscheint fraglich, was die Anträge und zusätzlichen Zeugen an Erkenntnissen bringen sollen. Schön will beispielsweise eine Frau vernehmen lassen, die aussagt, sie hätte den 44-Jährigen am Tattag nicht mit den beiden anderen Räubern im Auto gesehen. Das wiederum zweifelt keiner an. Die Kammer lehnte alle Beweisanträge ab, wegen »Bedeutungslosigkeit«.

Dennoch schaffte es Schön, den Prozess zu bremsen, Anwaltskollege Behnke sprach bereits von »Prozessverschleppung«. Die elf Stunden der gestrigen Verhandlung bestanden zum größten Teil aus Unterbrechungen, in sich denen die Kammer zurückzog, um die Anträge des Anwalts abzuarbeiten. Vorsitzender Anderer ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen: »Wir verhandeln heute so lange weiter, bis einer umfällt. Ich bin gerne bereit, den Beamten der Justizvollzugsanstalt eine Kiste Bier zu spendieren.« Bis Redaktionsschluss war keiner umgefallen.