Hechingen - Überraschung im Prozess gegen die Räuber, die Schrotthändler in Hechingen und Balingen überfallen haben: Der Anwalt des mutmaßlichen Drahtziehers stellte gestern Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden der Kammer, Richter Herbert Anderer.

Damit spitzen sich die Scharmützel zwischen dem Richter und Anwalt Klaus Schön weiter zu. Der Anwalt unterstellt dem Vorsitzenden der Kammer, "nicht mehr neutral" zu sein. Der Richter erwecke den Eindruck, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten und seinen Mandanten bereits vorverurteilt zu haben. Es scheine, als wolle die Kammer mit dem Prozess "unbedingt ganz schnell fertig sein".

Schön passt nicht, dass die Kammer Zeugen von der Liste gestrichen hat. Nach den Geständnissen der drei Mitangeklagten, die die Raubüberfälle ausgeführt haben, lud Anderer 27 Zeugen aus. Schön protestierte, er brauche sie, weil sie zur Entlastung seines 44-jährigen Mandanten beitragen könnten. Anderer erklärte, dann müsse der Anwalt einen schriftlichen Antrag stellen. So sehe es die Strafprozessordnung vor.

Als erster Zeuge des gestrigen Verhandlungstags vor dem Landgericht sagte der Anwalt aus, der den mutmaßlichen Drahtzieher zuvor vertreten hatte. Beim zweiten Gespräch in Untersuchungshaft habe sich der 44-Jährige seinem Verteidiger "geöffnet" und auf Anraten des Anwalts ein Teilgeständnis abgelegt. "Es war ihm eher peinlich, das zugeben zu müssen", sagte der Anwalt. Die Beteiligung am Überfall auf den Hechinger Schrotthändler räumte der 44-Jährige beim Verhör in der Polizeidirektion Balingen ein, widerrief das Geständnis aber später wieder. Aufgrund der Aktenlage sei ein Geständnis aber die einzige Möglichkeit, strafmildernde Umstände anerkannt zu bekommen. Ansonsten könne in der Hauptverhandlung der "Gau" eintreten: wenn die Mitangeklagten Geständnisse ablegen und ihn damit schwer belasten. Genau so war es gekommen.

Pistole an die Schläfe gehalten

Als weitere Zeugen sagten gestern die vier Opfer des Raubüberfalls in Balingen aus. Ihre Berichte deckten sich, auch in den Details. Danach überraschten zwei Räuber sie im Schlaf. Sie trieben sie im Wohnzimmer zusammen. Dem 48-jährigen Schrotthändler, bei dem sie 250 000 Euro in bar vermuteten, hielt einer der beiden eine Pistole an die Schläfe und sagte: "Geld raus. Ich zähle bis vier, dann gibt es Kopfschuss." Dass die Räuber nur Schreckschuss-Waffen hatten, wussten die Opfer nicht. Der Mann öffnete seinen Tresor, die Täter übersahen die 20 000 Euro zwischen sonstigen Papieren aber und flüchteten, als ein Auto am Haus vorbeifuhr.

Sie wussten offenbar viel über das Gebäude und die Lebensgewohnheiten der Opfer, obwohl sie sie nicht kannten. Aus diesem Grund fiel der Verdacht des 48-Jährigen und seiner Lebensgefährtin schnell auf den 44-jährigen Angeklagten. Sie seien mit- ein­ander aufgewachsen, sagte der Schrotthändler, der 44-Jährige sei öfter bei ihm zu Hause gewesen. Er habe ihm "immer geholfen", wenn er mal wieder knapp bei Kasse war: "Das hat man davon."

Die Aussagen verdeutlichten, wie tief die Kluft innerhalb des Freundes- und Familienkreises nach den Überfällen ist. Wie berichtet, ist der 44-jährige Angeklagte Neffe des Opfers in Hechingen, ebenfalls ein Schrotthändler. "Seither ist in der Familie nur noch Streit", sagte der Balinger Schrotthändler.

Es zeigte sich aber auch, welch tiefe Spuren die Überfälle bei den Opfern hinterlassen haben. Die einen leiden unter Ängsten und Schlafstörungen, andere schließen sich nachts ein, eine Frau traut sich nicht mehr allein auf die Straße. "Wir leben wie im Bunker", so der Balinger Schrotthändler. Die Entschuldigung der jungen Räuber wollte keiner der vier Zeugen annehmen. "Dafür gibt es keine Entschuldigung", sagte der Balinger Schrotthändler: "Die Leute sind seither kaputt."