„Haus der Lebenschance“ Giuseppe kriegt die Kurve noch

Stefanie Stahlhofen, 29.07.2012 14:00 Uhr

Stuttgart - Vor zwei Jahren sah die Zukunft für Giuseppe noch düster aus: Er hangelte sich von einem 400-Euro-Job zum nächsten, war zwei Jahre in berufsvorbereitenden Maßnahmen und fand trotzdem weder eine Lehrstelle noch eine Anstellung. Giuseppes Eltern sind Italiener. In der Schule konnten sie ihn nur wenig unterstützen. Einen Abschluss machte er nicht. In dieser nahezu ausweglosen Situation ging er zum „Haus der Lebenschance“ in Stuttgart. Jugendliche und junge Erwachsene wie er – ohne Schulabschluss, Ausbildungsplatz und Arbeit – bekommen dort gezielt Hilfe.

„Viele haben schon alle Förderprogramme und Maßnahmen durch. Für sie ist das Haus die letzte Chance. Wenn sie es hier nicht schaffen, sind sie den Rest des Lebens von Arbeitslosengeld II abhängig“, meint Sozialpädagogin Maria Süßenguth. Seit zwei Jahren kümmert sich die 34-Jährige im „Haus der Lebenschance“ um Menschen, die eigentlich als chancenlos gelten.

Über die Jugendarbeit der Evangelischen Gesellschaft (Eva) erfuhr Giuseppe von dem Haus in der Altenbergstraße 62, das die Eva und der Johanniterorden im April 2010 gegründet haben. Das Konzept ist nach Angaben der Organisatoren in seiner Art bundesweit einmalig. Die jungen Leute kommen freiwillig, um sich auf den Hauptschulabschluss vorzubereiten, und es gibt nur wenige Regeln (wie absolutes Alkohol- und Drogenverbot), an die sie sich halten müssen.

Eine feste Struktur ist den Organisatoren ebenfalls wichtig

Am Anfang stand für Giuseppe ein Vorstellungsgespräch. So prüft das „Haus der Lebenschance“ die Motivation und die Voraussetzungen der Bewerber. Wenn das gut läuft, unterschreiben beide Seiten eine Vereinbarung und erstellen gemeinsam einen Entwicklungs- und Förderplan. Giuseppe wollte den Abschluss in einem Jahr schaffen. So schnell ging es nicht - der junge Mann merkte, dass er sich erst einmal orientieren musste: „Ich wusste nicht, in welche Richtung es gehen soll. Das herauszufinden, war sehr anstrengend“. Doch dafür ist im „Haus der Lebenschance“ Raum, wenn die Teilnehmer beweisen, dass es ihnen ernst ist.

Eine feste Struktur ist den Organisatoren ebenfalls wichtig. Fünf Tage in der Woche kommen die jungen Leute. Der Morgen beginnt mit einem Impuls, dann folgt von 9 bis 16 Uhr Unterricht mit Pausen. Am Ende treffen sich alle zu einer Abschlussrunde. Die Lehrer sind Honorarkräfte, die extra für das Projekt ausgewählt wurden. Sie unterrichten die für die Prüfung wichtigen Fächer: Deutsch, Mathe, Welt-Zeit-Gesellschaft und Englisch. Noten gibt es nur zur Selbstkontrolle. Zusätzlich betreuen Maria Süßenguth und eine weitere Sozialpädagogin die Schüler persönlich, denn viele haben mit schweren Schicksalen zu kämpfen. Da sei es wichtig, auch neben der Schule da zu sein, erklärt Süßenguth. Außerdem bekommt jeder Teilnehmer einen ehrenamtlichen Paten, der bei der Berufswahl und dem Berufseinstieg hilft.

Jedes Jahr nimmt das Haus zwischen zwölf und 15 Leute auf. Ziel der Organisatoren ist, dass mindestens die Hälfte den Hauptschulabschluss schafft. 2010 gelang das nicht. Nur zwei Teilnehmer waren erfolgreich. Mit mehr Erfahrung lief es im zweiten Jahr besser: Sechs junge Leute haben diesmal die Prüfung bestanden. Unter ihnen ist auch Giuseppe. Der 22-Jährige bewirbt sich grade für eine Ausbildung als Veranstaltungstechniker. Mit dem Abschluss hat er den ersten Schritt dahin schon gemeistert.

www.eva-stuttgart.de

 
 
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