Haslach i. K. Gegen "die Barrieren in den Köpfen"
Schwarzwälder-Bote, 13.07.2012 10:00 Uhr
Hans-Peter Matt ist mit seinem Engagement für Barrierefreiheit weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. Foto: BabicFoto: Schwarzwälder-Bote
Haslach - Das Anliegen des querschnittsgelähmten Haslachers Hans-Peter Matt ist die wahre Bedeutung von Barrierefreiheit zu erklären. Doch wie ist der Stand diesbezüglich? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden? Der SchwaBo führte ein Gespräch mit diesem außergewöhnlichen Zeitgenossen, der seine eigene Behinderung zum Anlass genommen hat, etwas zu bewegen.
Herr Matt, mit ihrer Arbeit forcieren Sie ein wichtiges Thema. Wie ist es dazu gekommen?
Als erstes muss jeder seinen Lebensunterhalt verdienen, auch ich. Dabei bewege ich mich zwischen Arbeit und Mission, gegen alle Widerstände hindurch. Wie Herrmann Hesse schon sagte: "Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden." Es muss möglich sein, dass Menschen mit Handicap uneingeschränkten Zugang zu den verschiedensten Bereichen des Lebens haben.
Haben Sie sich deswegen zum Schwarzwaldguide ausbilden lassen?
Mir ging es darum, den Naturpark mit Leben zu füllen. Ich spreche dabei aber bewusst von Menschen mit Handicap: Auch Gehörlose oder Sehbehinderte sind angesprochen. Momentan bin ich dabei, weitere Touren auszuarbeiten. Aber ich möchte nicht über das Thema Rollstuhlfahrer an sich sprechen, das ist durch.
Wie sehen Sie Ihr Engagement im gesellschaftspolitischen Kontext?
Das ist mein Beitrag zum Thema "demographischer Wandel". Der Bedarf an Barrierefreiheit wird statistisch wachsen. Ich denke, wir haben im Schwarzwald einiges erreicht, sicher auch, weil viele Kommunen in LEADER-Regionen liegen. Aber lassen wir den finanziellen Gesichtspunkt außer Acht. Zumal es dahingestellt sei, ob alle Mittel immer effizient eingesetzt werden. Finanzielle Anreize zu setzen, ist richtig. Aber es sind nicht immer die Finanzen, die kreatives Handeln verhindern, es sind auch die Barrieren in den Köpfen.
Barrierefreiheit bedeutet mehr als eine Rampe mit sechs Prozent aufzustellen. Was fällt für Sie alles darunter?
Barrierefreiheit bedeutet, dass auch Menschen mit Handicap am Wettbewerb teilnehmen können und das hat sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftspolitische Gesichtspunkte. Wettbewerb zwischen Regionen und Kommunen spielt bei der Abwanderung oder beim Zuzug eine große Rolle und das in touristischer und bevölkerungsrelevanter Hinsicht. Ebenso verhält es sich in der Industrie. Produkte für Alle – hinsichtlich Bedienbarkeit und Nutzbarkeit – zu schaffen, bedeutet Innovation und Vorsprung. In fast allen Industrienationen als auch auf den Arbeitsmärkten werden derartige Produkte aufgrund des demographischen Wandels einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Nutzbar für Alle ohne stigmatisierendem Hintergrund und ein funktionelles und ansprechendes Design, das sind die Vorgaben. Wer sich heute nicht auf das Thema Barrierefreiheit einlässt, gehört morgen zu den Verlierern.
Sie betonen auch immer wieder, dass Barrierefreiheit oft Auswirkungen auf die Arbeitsplatzsituation hat.
In Zeiten des Fachkräftemangels wird über die Integration ausländischer Fachkräfte diskutiert. Menschen mit einem Handicap hingegen können teilweise nicht zu Fachkräften ausgebildet werden, weil es an der Infrastruktur fehlt. Dieses Potenzial bleibt ungenutzt. Fachkräfte als Experten in einer eigenen Sache auszubilden, wäre aber nachhaltig.
Wie bewerten Sie den Stand ihrer Bemühungen und was sind ihre langfristigen Ziele?
Wir haben vieles erreicht, aber es darf nicht einschlafen. Ich arbeite daran, dass meine Arbeit in 20 Jahren überflüssig wird. Bestenfalls entfällt meine Daseinsberechtigung. u Die Fragen stellte Marijana Babic.
Hans-Peter Matt ist mit seinem Engagement für Barrierefreiheit weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. 1968 in Haslach geboren, ist er seit 1987 aufgrund eines Autounfalls querschnittsgelähmt. Statt zu resignieren, gründete er 2003 sein Beratungsbüro "mahp-barrierefrei" und hat sich 2010 sogar als erster Rollstuhlfahrer als Schwarzwaldguide ausbilden lassen. Mit seinem Büro berät er Privatkunden, die Gastronomie, Architekten und Planer, Städte und Gemeinden, Natur- und Freizeitparks und die Industrie.


