Ich kann kein Blut sehen, das konnte ich noch nie. Was ich aber kann, ist den Lebenssaft spenden. So viel ist seit Dienstag sicher. Denn seitdem bin auch ich ein Lebensretter – so wirbt jedenfalls das Deutsche Rote Kreuz (DRK) um neue Blutspender. Doch dieser Titel war nicht der Grund für meinen ersten Aderlass.

Hintergrund ist vielmehr, dass ich einen Gang zur Blutspende für ein passendes Geschenk zum 100. Geburtstag des Haslacher Ortsverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) halte. Vor der Präsentauswahl hatte ich mich auf der Seite des DRK-Blutspendediensts Baden-Württemberg- Hessen (siehe Info) über die Voraussetzung für die erste Blutspende schlau gemacht. Da ich mich gesund fühle, zwischen 18 und 60 Jahre alt bin und auch über dem Mindestgewicht von 50 Kilo liege, blieb kein Grund, um doch nicht zu gehen.

Also mache ich mich mit etwas wackligen Beinen auf in die Haslacher Stadthalle in der anlässlich des Jubiläums auch ein Teamwettbewerb für Blutspender angeboten wird (siehe Info 2). Doch ich laufe als Ein-Mann-Team außer Konkurrenz, als Spender willkommen bin ich natürlich aber trotzdem. Dementsprechend freundlich werde ich am Empfang willkommen geheißen. Die jungen Helfer vom Ortsverband fragen nach meinem Personalausweis und drücken mir hilfreiches Infomaterial zur ersten Spende und ein Formular in die Hand. Die darauf mit ja oder nein zu beantwortenden Fragen, die ich einer Art Wahlkabine ankreuze, sind völlig harmlos. So wird unter anderem gefragt, ob gewisse Medikamente eingenommen wurden und ob Krankheiten vorliegen oder vorlagen.

Doch wofür wird mein Blut und jenes der vielen anderen Spender benötigt? Auch hier gibt die Internetpräsenz des DRK ausführlich Auskunft. So ist es bis heute noch nicht gelungen, eine Art künstliches Blut zu schaffen. Den lebenswichtigen roten Saft mit seinen vielfältigen Funktionen kann nur der Körper selbst bilden. So erstaunlich es klingt: Der immer weiter steigende Bedarf an Blut ist in erster Linie eine Folge des medizinischen Fortschritts. Viele Operationen, Transplantationen und die Behandlung von Patienten mit bösartigen Tumoren sind nur dank moderner Transfusionsmedizin möglich geworden.

Wenn es bei einer Transfusion schnell gehen muss, ist es für die Ärzte hilfreich, wenn sie nicht noch lange die Blutgruppe bestimmen müssen. Insofern bringt ein Aderlass auch dem Blutspender etwas.

Denn wie mir die Ärztin Annette Lang bei meiner zweiten Station in der Stadthalle erklärt, bekommt jeder Spender automatisch einen Ausweis zugeschickt. Darin ist neben weiteren Angaben zur Person auch die Blutgruppe verzeichnet.

Starke Nebenwirkungen sind so selten wie ein Sechser im Lotto

Lang fragt mich unter anderem noch nach meinem Gesundheitszustand, ob ich auch wirklich alle Fragen des Formulars verstanden und ob ich zuvor genug gegessen und getrunken habe. Da ich, um keine Schwierigkeiten mit meinen Kreislauf zu riskieren, mindestens einen bis 1,5 Liter intus haben muss, trinke ich vor der Entnahme noch etwas – die Getränke werden dabei vom Jugendrotkreuz kostenlos ausgeschenkt.

Die Ärztin prüft ferner meinen Puls, meinen Blutdruck und meine Körpertemperatur. Dass ich nach Silvester keine Schmerzmittel einwerfen musste, ist von Vorteil. Denn Lang fragt auch nach einer etwaigen Einnahme von Aspirin in den vergangenen zehn Tagen. Das Medikament verdünne das Blut. Auch zählt sie mir gewisse Risiken einer Spende auf, wobei die heftigsten mindestens so selten "wie ein Sechser im Lotto" seien.

Mit dieser beruhigenden Nachricht geht es weiter zu Jürgen Frietsch. Der erfahrene Helfer vom DRK-Blutspendedienst verpasst mir mit einem sogenannten Unistik einen Piekser und prüft so meinen roten Blutfarbstoff. "Ihr Hämoglobin-Wert von 17,0 ist gut", sagt der gelernte Laborant, der schon seit 15 Jahren mit dem DRK-Tross durch die Lande zieht. Wo er am Montag gewesen ist, will ihm bei den vielen Orten nicht mehr einfallen. Doch eine Kollegin weiß Bescheid: "Wir waren in Lahr-Reichenbach". Am Samstag ist dann ein Termin in Winnenden. "Solche Wochenenddienste sind freiwillig", so Frietsch.

Als nächstes geht es zur Blutentnahme. "Jeder hat sein Päckchen selbst zu tragen", gibt mir Frietsch vier Blutbeutel und drei Röhrchen lachend mit auf den Weg. Die Beutel sind für die Spende vorgesehen und die Röhrchen für Bluttests. Denn das ist auch ein nützlicher Nebenaspekt eines Aderlasses. Das Blut wird untersucht und sollte beispielsweise eine HIV-Infektion (Aids) oder ein anderer außergewöhnlicher Befund festgestellt werden, folgt eine Info an den Spender.

Vor der Untersuchung kommt aber erstmal der Stich mit der Nadel. Das Blut nimmt mir Walburga Schmidt ab. Das tut gar nicht weh, schließlich hat sie ihr Handwerk als Arzthelferin gelernt. Andere Spender kommen in die ebenfalls guten Hände von Krankenschwestern. "Sie können etwas mithelfen, wenn sie pumpen, indem sie ihre Hand auf und zumachen", rät Schmidt mir. Wie viel Blut schon abgezapft wurde, könne ich auch auf einem Zähler verfolgen. Als sie merkt, dass ich mich nicht wirklich zum Geschehen umdrehen und hinschauen möchte, beruhigt sie mich: "Blut sehen sie da nicht." Und tatsächlich mein Lebenssaft fließt außerhalb meines Blickfelds ab.

Nach etwa neun Minuten ertönt dann ein erlösendes Klingeln, der Zähler zeigt an, dass 500 Milliliter Blut abgeflossen sind – so viel wird übrigens vom jeden Spender abgenommen, wobei Männer innerhalb eines Jahrs bis zu sechsmal ihr Blut geben können und Frauen maximal viermal.

Schlimm war die Entnahme ganz und gar nicht. Schließlich konnte ich mich während der Prozedur mit der gut gelaunten Helferin Elisabeth Kolinski unterhalten. "Ich helfe hier schon seit 30 Jahren und bin wohl die älteste hier", erzählte sie lachend. Dementsprechend trifft sie an solchen Tagen viele alte Bekannte unter den Spendern und den Helfern.

Zu den rund 65 Helfern zählt am Dienstag auch der Haslacher DRK-Ehrenvorsitzende Hansjörg Hettich, der mir die Zeit vertreibt als ich mich nach dem Aderlass für zehn Minuten auf einer Ruheliege breit mache. Nach 50 Jahren als ehrenamtlicher Helfer kann er so manche Anekdote zum Besten geben. So habe es früher einen örtlichen Wirt gegeben, der seinen Mittagsschlaf nach der Spende oftmals auf der Liege nachholte. "Falls ich einschlafe, lass mich einfach liegen. Hier stört meine Frau mich nicht", habe der Spender immer gesagt, erzählt Hettich lachend. Außerdem betont der ehemalige Vorsitzende seine Zufriedenheit, dass mit seinem Nachfolger Klaus Kinast immer noch alles so gut laufe.

Gut läuft es anschließend auch bei mir. Denn das kostenlose Abschlussessen, es gibt Schnitzel mit Kartoffelsalat, mundet ausgezeichnet. Schon das wäre ein Grund, mal wieder spenden zu gehen. Zudem weiß ich nun auch ganz sicher, dass ich mein Blut dabei nicht zu sehen brauche. Lars Reutter