Von Theresa Dobrindt

Haslach. Theresa Dobrindt aus Haslach war für ein Jahr im südamerikanischen Chile. Dort hat sie ein soziales Jahr in einer Schule für Behinderte gemacht. Zwei Monate nach ihrer Heimkehr blickt sie auf spannende Momente und Kommunikationspannen zurück.

Seit mehr als zwei Monaten bin ich mich nun schon wieder in Deutschland. Die ersten Wochen waren nicht einfach. Ich habe das Land, mein Projekt, die Leute und ihre Mentalität vermisst.

In Chile habe ich ganz oft gehört, dass Deutsche kühl seien. In gewisser Hinsicht stimmt das – auch wenn ich immer versucht habe, es zu bestreiten. Doch auch Deutsche können herzlich sein. Es braucht bloß mehr Arbeit, um das zu erreichen.

Die Grundeinstellung in Chile ist eine andere, das habe ich gleich gespürt. In den ersten Wochen isolierte ich mich sogar ein wenig, da ich zwischen zwei Welten hing.

Die Leute hier fragen mich oft: "Und wie war’s?" Was soll ich darauf antworten? Wie soll ich 365 Tage in einem Satz zusammenfassen? Meistens antworte ich: "Genial! Ich hatte eine sehr gute Zeit."

Manche sind mit dieser Antwort zufrieden, andere stellen mir weitere Fragen. Dann erzähle ich ausführlicher.

Schmunzelnd berichte ich von einer Sache, die mir in beiden Ländern Unannehmlichkeiten bereitet hat. Während meiner ersten Tage in Chile begrüßte ich die Leute, wie gewohnt mit einem Handschlag. Ich erntete irritierte Blicke. Die anderen wussten gar nicht, was sie mit meiner Hand anstellen sollen. Meist zögerten sie kurz, reichten mir die Hand und umarmten mich schließlich.

In Chile ist es absolut untypisch, die Hand zu reichen. Dort begrüßt man sich mit einem Küsschen auf die rechte Wange. Wird ein Raum mit mehreren Leuten betreten, werden alle einzeln begrüßt. So wird sich auch verabschiedet, selbst wenn es zwanzig Personen sind.

Ich fragte mich, wie ich mich verhalten soll. Kein Küsschen, das war klar, denn wenn Begrüßung mit Küsschen, dann mit zwei oder drei wie in Frankreich. Ich versuchte einen Mittelweg zu finden – und plötzlich umarmte ich Leute, die ich zuvor noch nie umarmt hatte. Nachdem ich erneut irritierte Blicke kassierte, unterließ ich das ganz schnell und ging zurück zum Handschlag.

Während meines Aufenthalts war ich immer hellhörig für Dinge, die einen deutschen Ursprung hatten. So zum Beispiel Straßennamen, Nachnamen oder Produkte.

Ganz gut erinnere ich mich noch an das Treffen mit einem Chilenen, der Klaus Klumpp hieß und mehrere Jahre in Freiburg gelebt hat. Er kannte sogar Haslach. Die Welt ist eben doch klein – und Chile ist auch gar nicht so weit weg, dachte ich mir.

In deutschen Supermärkten fällt mir jetzt auf, dass es chilenischen Wein gibt. Und ganz in der Nähe, in Zell, stehen zwei Araukarien. Die "Araucaria araucana" ist eine Schmucktanne, die ausschließlich in Chile wächst. Es gibt dort sogar eine Region, die nach dem Baum benannt ist.

"Ich bin jetzt kommunikativer und toleranter"

Das Jahr in Chile war unglaublich lehrreich für mich. Rückblickend wird mir klar, wie viel ich für mich persönlich mitgenommen habe. Ich bin jetzt offener, kommunikativer, toleranter, gelassener und selbstständiger. Ich habe viel für das Leben gelernt, auch Dinge, die ich in der Schule nicht habe lernen können.

Ich bin eigentlich strukturiert, nicht spontan. Normalerweise möchte ich immer genau wissen, wie etwas ablaufen wird. In Chile war ich gezwungen, mich von dieser Denkweise zu distanzieren. Man lebt dort nach der "hora chilena". Wenn man sich um "tipín 15 Uhr" verabredet, heißt das, "Ich komme ab halb vier".

Zuvor wäre ich nie in den Urlaub gefahren, ohne zu wissen wann Busse gehen oder wo ich die erste Nacht verbringe.

Ich habe bei meinem Auslandsaufenthalt gelernt, mich einzufügen und die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Ich habe mich dadurch schnell im Alltag zurecht gefunden. Anpassung ist wichtig, nur nicht an alles.. Meine Pünktlichkeit zum Beispiel hat erheblich gelitten. Aber daran lässt sich arbeiten.

Ich hatte mich vor der Reise bewusst dafür entschieden, das Jahr an ein und demselben Ort zu verbringen. Reisend bekommt man zwar viel zu sehen, aber nur die Oberfläche.

Für die Möglichkeit, all diese Erfahrungen zu sammeln, bin ich unendlich dankbar.  Ich danke all denen die mich unterstützt haben, danke dem Schwabo für das Veröffentlichen meiner Berichte und natürlich Ihnen, liebe Leser, für Ihr Interesse.

Und falls Sie mal einen Urlaub nach Chile planen sollten, versichere ich Ihnen, dass Sie begeistert sein werden. Kein Land ist so gegensätzlich und schön wie dieses.