Stuttgart - Van Bo Le-Mentzel sitzt auf dem Boden des Projektraums Lotte an der Willy-Brandt-Straße in Stuttgart. Etwa 25 vor allem junge Leute haben sich im Halbkreis um ihn herum versammelt. Sie sind gekommen, um Möbel zu bauen, genauer gesagt einen Hocker, der aus vier Brettern und zehn Schrauben besteht.

Van Bo Le Mentzel ist ein junger Mann in lässiger Straßenkleidung. Er leitet den Workshop Hartz-IV-Möbel, der auch eine Vorstellung des gleichnamigen Buches ist. Van Bo Le-Mentzel klingt wie eine fantastische Mischung aus Van Gogh und Le Corbusier. Doch der Name ist echt. Le-Mentzel ist das Kind laotischer Flüchtlinge. Sein eigentlicher Name ist Van Bo Le. Seit seiner Heirat trägt er zusätzlich den Namen seiner Frau. So wurde aus Le, Le-Mentzel was ein bisschen elsässisch klingt und den jungen Architekten aus Berlin mit dem asiatischen Aussehen noch exotischer wirken lässt.

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Van Bo Le-Mentzel erzählt den Leuten im Projektraum Lotte von seinem Faible für den Bauhausstil, an dem sich die Hartz-IV-Möbel orientieren. Nebenher bastelt er fast spielerisch mit der Hilfe eines kleinen Jungen aus dem Publikum einen so genannten Berliner Hocker zusammen. „Mensch Ben, du bist klasse“, sagt Le-Mentzel zu dem Buben und dreht den fertigen Hocker ein paar Mal in alle Richtungen, um zu zeigen, wie vielfältig man das Möbelstück verwenden kann. „Es fasziniert mich, wenn man etwas einfach umdreht und es dann als etwas ganz anderes verwenden kann“, sagt Le-Mentzel.

Die Baupläne für die Hartz-IV-Möbel kann man sich kostenlos im Internet herunterladen

Der Berliner Hocker ist eine Eigenkreation des jungen Architekten. Zusammen mit neun weiteren Möbelstücken gehört er zur Reihe Hartz-IV-Möbel, die Van Bo Le-Mentzel entworfen hat. Den Namen hat der 35-Jährige nicht gewählt weil er mittellosen Menschen zu einer stilvollen Einrichtung verhelfen, sondern weil er ein komplett neues Wirtschaftssystem entstehen lassen will, in dem sich jeder stilvolle Möbel leisten kann. Wie das gehen soll? Van Bo Le-Mentzel erklärt es so. „Wir nutzen dasselbe Potenzial, das auch im Internet dafür sorgt, dass kostenlose Software auf den Markt gelangt“.

Die Baupläne für seine Hartz-IV-Möbel kann man sich kostenlos im Internet herunterladen. Die einzige Bedingung ist, dass man einen Fragebogen ausfüllt. Man muss Informationen liefern, warum man die Baupläne haben möchte. „Ich verdiene an den Plänen kein Geld, ich verdiene etwas viel Wertvolleres. Es sind Kontakte und Anerkennung“, sagt der 35-Jährige.

Aus den Informationen von der Möbelwebseite hat Van Bo Le-Mentzel das Buch entstehen lassen. Es heißt „Hartz-IV-Möbel“ und ist im Hatje Cantz-Verlag in Stuttgart erschienen. Neben den Bauplänen stellt Van Bo Le-Mentzel darin eine Reihe von Menschen vor, die sich die Anleitungen heruntergeladen haben. Es sind die gleichen Leute, die Van Bo Le-Mentzel jeden Tag Verbesserungsvorschläge für seine Baupläne schicken. Er nennt sie Crowd – Menschenmenge. Leute, die wie der Berliner Architekt daran glauben, dass es noch eine Alternative gibt zu der Ökonomie von Angebot und Nachfrage. „Wir sind Menschen, die auf ihre Nachfrage selbst mit einem Angebot reagieren“, sagt Le-Mentzel. „Wir produzieren Möbel, aber es gibt keine Lagerkosten und es gibt keine Ausbeutung.“

Das nächste Projekt: Turnschuhe als Fairtrade-Produkt

Die Möbel sollen nur ein Anfang für das neue Wirtschaftssystem sein. Van Bo Le-Mentzel hat schon die nächste Idee. Er möchte Schuhe produzieren. Es geht dabei aber nicht um irgendwelche Latschen, sondern um die berühmten Chucks. Die knöchelhohen Basketballschuhe gehören zu den erfolgreichsten Schuhen der Geschichte. Seit 1917 von der Firma Converse produziert, gehört die Marke mittlerweile dem Sportwarenhersteller Nike. Der stellt die Schuhe inzwischen in China her. „Unter menschenunwürdigen Bedingungen“, sagt Van Bo Le-Mentzel.

Er möchte gerne ein Paar haben, aber nicht zu den Bedingungen von Nike, sondern zu seinen eigenen. Deswegen hat er das Projekt Karma-Chakhs gegründet. Er lässt sich von einer Fairtrade-Firma in Pakistan Schuhe herstellen, die aussehen wie Chucks, aber nur so ähnlich heißen. Weil die Mindestbestellmenge bei 500 Stück liegt, sucht er übers Internet Menschen, die sich bei der Sammelbestellung beteiligen und im Voraus bezahlen. „Karma“, das steht für ein Prinzip aus den indischen Religionen, wonach jede Handlung eine gute oder schlechte Folge hat. Van Bo Le-Mentzel ist kein buddhistischer Missionar. Für ihn hat es eher etwas mit einem guten Gefühl zu tun.

Das Design, die Schuhschachtel, die Begleitbroschüre, alles wird von der Crowd, von Le-Mentzels Mitstreitern, hergestellt. Die Financial Times Deutschland hat das Thema kürzlich aufgegriffen und einen Anwalt dazu befragt. „Ein klarer Fall von Markenrechtsverletzung“, meint der und sieht die Anwälte von Nike bereits auf der Matte stehen. Van Bo Le-Mentzel beunruhigt das wenig. „Ich sehe nicht ein, dass nur Nike das Recht hat, diese Schuhe zu machen“.

http://hartzivmoebel.de/