
Von Thomas Kost
Haigerloch-Stetten. Erinnern sie sich noch an Thomas Nesch? Das Leben des Jungforschers aus Stetten verläuft derzeit fast wie der Jules-Verne-Roman "In 80 Tagen um die Welt".
Vor wenigen Monaten noch in Shanghai, dann Abstecher nach San Diego und New York. Zwischendurch in München und über Weihnachten in Stetten Zwischenstopp eingelegt. Jetzt gerade im englischen Cambridge und bald schon in der Nähe von Boston, USA. Seit der 22-Jährige aus Stetten vor vier Jahren einen optischen Sensor zum Feststellen winziger Lecks in Lackierrobotern entwickelt und damit 2008 zum Bundessieger beim Wettbewerb "Jugend forscht" geworden ist, steht das Rad für den begabten ehemaligen Haigerlocher Realschüler nicht mehr still.
Ausbildung bei Daimler zum Mechatroniker mit Auszeichnung abgeschlossen, danach das Abitur nachgeholt und in Stuttgart erste Erfahrungen als Student gesammelt, so fing es an. Dazwischen bei einem weltweiten Wettbewerb des Chipherstellers Intel für Jungforscher mit seiner Erfindung Preise abgeräumt; das allein gäbe genug Stoff für einen Lehrfilm übers Karrieremachen.
Doch das Ende der Fahnenstange ist offenbar noch nicht in Sicht: Erst recht nicht, seit der junge Stettener an der altehrwürdigen Universität Cambridge Elektrotechnik studiert. Von der berühmten britischen Hochschule aus hat sich Thomas Nesch im vergangenen Sommer ein dreimonatiges Praktikum bei der Firma Morimatsu in Shanghai organisiert. Von Mitte Juni bis Ende August war er bei dem Unternehmen, das Druckbehälter und Mischanlagen für die pharmazeutische und chemische Industrie herstellt. Er wurde dort gleich mit einem Projekt betreut, in dem er Strategien entwickelte, die der Steigerung der Qualität und Effizienz dienten.
Eine hohe Ehre, denn Nesch war der erste nicht-chinesische Praktikant in dieser Firma. Und das hat er auch gleich gemerkt. "Ich hab gedacht, dass dort hauptsächlich Englisch geredet wird, und es war ein bisschen ein Schock, dass alle nur Chinesisch gesprochen haben", erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber der Student stellte sich darauf ein. Da er auch in Cambridge schon einen Kurs in Chinesisch belegt, hielt er am Ende in Shanghai vor Morimatsu-Verantwortlichen auf Chinesisch einen Vortrag. Schöner Nebeneffekt: Dank des Praktikums konnte Thomas Nesch an seiner Uni eine Stufe überspringen und gehört nun zu den "Upper intermediate" im Fach Chinesisch.
Nach der für ihn spannenden Zeit im fernen Osten ging’s sofort weiter nach San Diego. Dort bekam Thomas Nesch von der optischen Gesellschaft SPIE erneut einen Preis. Und zwar über 11000 Dollar. "Das ist das größte Stipendium, dass die überhaupt vergeben. Und dass ein Europäer es bekommt, ist schon eine kleine Sensation", erzählt der Stettener stolz. Das amerikanische Unternehmen hatte Nesch auch schon beim Intel-Isef-Wettbewerb mit einem Preis ausgezeichnet.
Von San Diego aus flog Thomas Nesch dann weiter nach New York – und mitten rein in den Hurrikan "Irene". Eine ebenfalls unglaubliche Erfahrung für ihn. "Das war schon heftig und was ganz anderes, als wenn es bei uns stürmt", erzählt er. Ganz Manhattan wurde evakuiert. Vier Tage hing er in der Metropole fest, war aber sicher bei Studienfreunden aufgehoben.
Doch zum vielen Nachdenken blieb keine Zeit, der deutsche Konzern EADS in Ottobrunn bei München rief zum nächsten Praktikum. Vier Wochen hat der 22-Jährige in der optoelektronischen Forschung an einer speziellen Fragestellung mitgetüftelt. Und dann war er im Oktober wieder in Cambridge und machte schließlich über Weihnachten einen Besuch zu Hause – natürlich hat er dabei auch das Weihnachtskonzert seiner alten Musikerkollegen vom MV Stetten besucht. Ach ja, ganz beiläufig erzählt uns der junge Forscher auch noch von der Gründung einer kleinen Firma mit einem Kumpel aus Stetten – Schwerpunkt Automatisierungstechnik.
Sein Studium in England wird Thomas Nesch aller Voraussicht nach 2014 mit dem Mastertitel abschließen. Doch vorher wird er von Juli bis Ende September ein weiteres Praktikum absolvieren; und zwar am Massachusetts Institut of Technology (MIT) in der Nähe von Boston. Das MIT hat schon etliche Nobelpreisträger hervorgebracht. Man sieht: Die Reise geht weiter – und es ist noch nicht abzusehen, wo sie endet. Jules Verne hätte sicher seine Freude an einem so zielstrebigen jungen Forscher.