
Gutach. (bab) Einem spannendem Thema, das mitten aus dem einstigen bäuerlichen Alltag gegriffen war, widmete sich am Sonntag eine Führung mit Julia Heineke: Die Schwarzwälder Hütekinder hatten, so viel wurde deutlich, keine unbeschwerte Kindheit.
Die museumspädagogische Mitarbeiterin Julia Heineke hat sogar ein Buch zum Thema verfasst und konnte daher detailliert in die Materie einführen: Üblich war es, Kinder zwischen neun und 14 Jahren an einen fremden Hof als Hütekinder zu geben.
Dies hieß: Aufstehen morgens um halb fünf, Kühe anmelken, Stall ausmisten, füttern, um dann gegen acht Uhr in der Früh das Vieh auf die Weide "auszufahren", wo auch bei Wind und Wetter ausgeharrt werden musste. Doch mittags, wenn das Vieh zurückgetrieben wurde, war noch nicht lange Schluss: Dann ging es bis vier Uhr in die Hirtenschule, wo die meisten Hütekinder die Müdigkeit plagte, handelte es sich doch bei dem Weg zur Schule oft nochmals um einen ordentlichen Fußmarsch. Nach der Schule hieß es dann abermals mit dem Vieh bis zur Dämmerung auf die Weide zu gehen. "Die Kinder waren dabei mit einem Hut gegen die Sonne, einem Kartoffelsack als Wetterschutz und mit einem Anpeitscher versehen, um das Vieh beisammen zu halten." Kam dann ein Signal vom Hof, etwa ein Glockengeläut, ging es zurück, wo dann gemeinsam ein Abendbrot eingenommen wurde.
"Etwa ein Drittel der Kinder waren Bettnässer", berichtete Heineke über die Problematik. Man vermute dabei, dass dies am Barfußlaufen und den kurzen Hosen lag. Zehn Prozent der Hütekinder hätten außerdem Studien zufolge Herzprobleme gehabt, weil es in Stress ausarten konnte, das Vieh zusammenzuhalten und die Mangelernährung ihr Übriges tat. "In der Regel hat das Schicksal als Hütekind Jungs betroffen, es gab aber auch etwa zehn Prozent Mädchen", so Heineke.
Ein "Merkblatt zur Haltung von Hütekindern" von 1951 zeige zwar, dass man sich der Problematik bewusst war, amtliche Verordnungen spielten jedoch in der Praxis keine Rolle. Ein ähnliches Dokument datiere aus dem Jahr 1922. "Ab Mitte der 50er Jahre ist das Hütekinderwesen dann eingeschlafen", so Heineke. Die zum Teil romantisierenden Darstellungen, die es zum Thema gäbe und die die Hütekinder in einer idyllischen Natur an der frischen Luft zeigten, träfen nicht die Realität.