Gestohlene Spiele Wo große Ideen baden gingen
Klaus Eichmüller, 01.08.2012 16:40 Uhr
Kein Wasser, nirgends: Matthias Zielke hat sein Sportgerät mit auf den Cannstatter Wasen gebracht. Dort hätte die große Schwimmhalle entstehen sollen.Foto: Max Kovalenko/PPF
Stuttgart - Soll keiner sagen, nach dem Scheitern der hochfliegenden Olympiapläne Stuttgarts würde überall dort, wo tolle Sportstätten entstehen sollten, nur Brache existieren. Am Rand des Cannstatter Wasens, wo direkt am Neckar die olympische Schwimmhalle vorgesehen war, gibt es dank des Löwenzahns, der durch den Schotter und den Asphalt bricht, blühende Landschaften.
Hinter bunten Baucontainern treiben Arbeiter mit dumpfen Schlägen kräftige Erdnägel in den Boden. Andere richten das Metallskelett für riesige Hallenbauten auf. In ein paar Wochen wird hier die Stimmung hochkochen: Blasmusik in den Bierzelten, schunkeln bis zur Erschöpfung, trinken bis zum Umfallen. Hier gilt das olympische Motto: Dabei sein ist alles.
Nicht dabei sind die deutschen Wasserballer. Die Qualifikation für London haben sie verpasst. „Unglücklich verpasst“, sagt Matthias Zielke. Der 41-Jährige muss es wissen. Er ist beim SV Cannstatt Vorstand der Wasserballer. Viele Jahre hat er für den Bundesligisten selbst aktiv gespielt. Und genauso viele Jahre hat er sich geärgert über die unzureichenden Trainingsbedingungen seiner Sportart in Stuttgart. „Eine Teilnahme der Wasserballer in London hätte uns auch hier weitergeholfen“, glaubt Zielke und verweist darauf, dass am Olympiastützpunkt Stuttgart seit ein paar Jahren auch Wasserball gefördert wird.
„Wir schimpfen uns Sportstadt haben aber keine Halle mit einem wettkampftauglichen 50-Meter-Becken“
Noch weit besser aber stünde der Wasserball in Stuttgart da, wenn hier eine olympische Schwimmhalle gebaut worden wäre. Doch davon existiert außer ein paar schnell hingeworfenen Planskizzen in den Bewerbungsunterlagen nichts.
Matthias Zielke steht am Ufer des Neckars. Das Wasser fließt behäbig und trübe vorbei. „Schwimmen wollte ich hier nur im Notfall“, sagt Zielke und überlässt den Fluss einem Schwarm winziger Fische, die im Uferbereich Schutz suchen, und zwei Kajakfahrern, die vorbeipaddeln.
„Wir schimpfen uns Sportstadt“, sagt Zielke, „haben aber keine Halle mit einem wettkampftauglichen 50-Meter-Becken.“ Für Spitzensportler wie die Wasserballer und die Schwimmer sei das ein Handicap. Die inzwischen 20 Jahre alte Traglufthalle, die im Winter im Inselbad errichtet wird, sei zwar gut, habe aber einen entscheidenden Nachteil. „Der vierwöchige Aufbau der Halle Ende September fällt genau mit der Vorbereitungsphase für die Saison zusammen“, sagt Zielke. Ende April, Anfang Mai, wenn die Halle wieder abgebaut wird, stehen die Wasserballer unmittelbar vor ihrem Saisonhöhepunkt in der höchsten Liga.
Schwimmvereinen fordern, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen und ein weiteres 25-Meter-Becken einzuplanen
Um die vor einem Jahr diskutierten Pläne, im nahen Neckarpark eine Halle mit einem 50-Meter-Becken zu bauen, ist es still geworden. Eine im April im Rathaus vorgelegte Machbarkeitsstudie hatte einen Neubau an der Benzstraße, also in direkter Nachbarschaft zum Olympiastützpunkt, ins Gespräch gebracht.
Weil für diese neue Halle die alte Traglufthalle im Inselbad wegfallen würde, gibt es Bedenken bei den Schwimmvereinen. Sie fordern, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen und ein weiteres 25-Meter-Becken einzuplanen.
Im Moment kann Zielke nur das Prinzip Hoffnung bemühen. Sein Blick geht von der tristen Gegenwart voraus ins Jahr 2016. Bis dahin sollte die neue Halle stehen. „Für den Wasserball-Sport sind gute und ganzjährige Trainingsbedingungen zwingend notwendig“, sagt Zielke. „Dann sind wir bei Olympia in Rio wieder dabei, am besten mit zwei, drei Spielern aus der Region.“
Entscheidung heute in London: 100 Meter Freistil und 200 Meter Brust der Männer; 200 Meter Schmetterling und 4 x 200 Meter Freistil der Frauen. Finale im Wasserball am Sonntag, 12. August.




