Stuttgart - Lokaltermin in einem der vermutlich bekanntesten Hochbunker von Stuttgart: dem Pragbunker. Schon von weitem sichtbar, dient die einstige Schutzstätte für rund 1200 Menschen heute vorwiegend als Werbeplattform, Funkmast und gelegentlich auch als Ausstellungsraum. Dass man diese Art von Bunker nicht in die Erde eingrub, hatte vor allem finanzielle Gründe. Da sich bei der Detonation einer Bombe die Druckwellen nach allen Seiten ausbreiten konnten, benötigte man weniger Beton. Paul Bonatz, der Architekt des Stuttgarter Hauptbahnhofs, ist übrigens auch der Architekt des Pragbunkers.

Er sah damals in der Gestaltung solcher Bunker eine wichtige städtebauliche Aufgabe, so der Verein Schutzbauten Stuttgart. Vor Ort braucht man schon etwas Kraft, um die schwere, gusseiserne Tür aufzudrücken, um in den Bunker am Pragsattel zu gelangen. „Das war früher die Luftschleuse. Eine der beiden Türen musste immer geschlossen sein”, erklärt Hans Hofmann vom Liegenschaftsamt der Landeshauptstadt. Er ist der Herr über rund 40 über- und auch unterirdische Bunker in Stuttgart. So auch über den „Bosch-Turm”, wie der Hochbunker am Pragsattel im Volksmund wegen der Werbung auf dem Dach auch genannt wird. Zwölf Stufen sind es bis in den Technikkeller. Hier ist noch alles so wie in den 1970er Jahren, als die 15 größten Stuttgarter Hochbunker mit Millionenaufwand saniert und auf den damals aktuellen Stand des Katastrophenschutzes gebracht wurden. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Perestroika und Mauerfall waren noch weit entfernt, und die Menschen fürchteten sich vor einem Krieg mit biologischen und chemischen Waffen. Heute sind diese Bunker nur noch stumme Zeugen dieser Zeit, manche dümpeln als Proben- oder Lagerraum vor sich hin, manche stehen leer.

Die Wände sind im Schnitt 150 Zentimeter dick

Dass man sie nicht einfach abreißen kann, ist auf die Zivilschutzbindung zurückzuführen. Dazu gehört ein sogenanntes bauliches Veränderungsgebot, erklärt Hofmann. Erst wenn eine Kommune ein übergeordnetes örtliches Interesse nachweisen kann, zum Beispiel für den Bau eines Krankenhauses, einer Schule oder eines Kindergartens, könne das jeweils zuständige Regierungspräsidium auf Antrag das Veränderungsgebot aufheben. Bis dahin hat die Kommune aber ein sogenanntes Zwischennutzungsrecht. Das heißt, die Stadt kann den Bunker für Ausstellungen vermieten, Außenwerbung wie Leuchtreklame oder Mobilfunkanlagen zulassen. Mit diesen Einnahmen werden in der Regel die Erhaltungskosten refinanziert. Andere Nutzungen scheitern oft an den aufwendigen und teuren Umbaumaßnahmen. Denn diese Bauwerke verfügen in der Regel über keine oder nur wenige, winzige Fenster. Außerdem fehlt bei den Hochbunkern der heute zwingend vorgeschriebene zweite Fluchtweg. Wer zum Beispiel ein Büro, ein Cafe oder ein Hotel in einem Hochbunker plant, müsste zuerst in die im Durchschnitt 150 Zentimeter dicken Wände Fenster hineinschneiden und für einen zweiten Fluchtweg sorgen. Hinzu kommt, dass vielfach Baupläne fehlen, die über die Statik des Bauwerks Auskunft geben, erklärt Hofmann.

Aktuell warten im Bestand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben bundesweit rund 70 weitere Bunker auf neue Eigentümer. Die Institution hat in diesem Jahr erstmals einen Wettbewerb ausgelobt, bei dem kreative Konzepte für diese Objekte gesucht wurden. Denn Bunker seien längst nicht mehr nur ein bedrohliches Überbleibsel. Sie fänden verstärkt Beachtung bei Städteplanern, Architekten und Projektentwicklern, die damit auf gesellschaftliche Trends reagierten. Der öffentlich-rechtliche Immobilienverwalter des Bundes ist sich sicher, dass diese „außergewöhnlichen Objekte genügend Potenzial haben”. Sie müssten nur entsprechend neu interpretiert, saniert und revitalisiert werden. Das sich so ein Aufwand lohnen kann, zeigt ein Beispiel aus München. Dort hat sich die Bauträgergesellschaft Euroboden auf das Abenteuer eingelassen und einen denkmalgeschützten Hochbunker in Schwabing erworben. Spätestens im nächsten Frühjahr will man dort den siebengeschossigen Hochbunker in ein Büro- und Apartmenthaus mit Luxuswohnungen umgebaut haben.

Derartige Überlegungen gab es auch schon in der Landeshauptstadt. So wird derzeit der Bebauungsplan für den Ortsteil Zuckerberg geändert, um auch den im Privatbesitz stehenden dortigen Bunker als Wohngebäude zu nutzen. Darüber hinausgehende Anfragen für die Umnutzung eines Hochbunkers sind beim Amt für Liegenschaft und Wohnen der Landeshauptstadt eher selten. Die wenigen Anfragen verliefen meist nach kurzer Zeit wieder im Sande. Hans Hofmann geht auch so die Arbeit nicht aus. Die Liegenschaften müssen aus Gründen der Verkehrssicherheit regelmäßig überprüft und gewartet werden, auch wenn sie für ihre ursprüngliche Aufgabe nicht mehr benötigt werden.