Geislingen - Blauer Himmel, Sonnenschein, vor der Fischerhütte in Geislingen versammeln sich am Samstagmorgen 23 Mann. Sie tragen feste Schuhe, olivgrüne Hosen und Jacken, darüber leuchtende Schutzwesten, Hüte mit Signalbändern dran. Fünf von ihnen greifen zum Horn, blasen hinein, spielen, die Treiber und Schützen versammeln sich, greifen zu Stöcken und Büchsen – es geht los, auf die Jagd.

Es ist die jährliche Treibjagd im Geislinger Revier, das sich aus sechs Pirschbezirken zusammensetzt. Gejagt wird an diesem Morgen nach Füchsen, deren Zahl rund um Geislingen zuletzt zugenommen hat und die durch die Fuchsräude-Krankheit eine große Gefahr für den Menschen darstellen, sowie nach Mardern, die durch ihre ebenfalls steigende Zahl vielen Kleintieren das Leben schwer machen, und, falls sie vor die Flinte kommen, auch nach Wildschweinen.

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Otto Schlaich ist einer der Jäger, der 72-Jährige lädt und entsichert sein Gewehr – und wartet neben einem Baumstamm. Die Treiber laufen laut johlend durch das Waldstück Ellenberg und versuchen so, Tiere auf- und den Jägern vors Gewehr zu scheuchen. Otto Schlaich wartet und wartet und wartet. Wird’s einem da nicht langweilig? "Oh nein", sagt Schlaich, seit 33 Jahren im Besitz des Jagdscheins, "ich bin draußen, in der Natur, ich genieße das, es ist wunderschön".

Beute machen ein "Urinstinkt"?

Jägern wird oft vorgehalten, sie würden aus reiner Lust töten. Schlaich meint dazu, dass natürlich niemand auf die Jagd gehe, der nicht auch Beute machen wolle. Er nennt das einen "Urinstinkt", der in jedem Menschen, mehr oder weniger stark, ausgeprägt sei. Klar: Es gebe schwarze Schafe, so genannte Schießer, die nicht oft genug abdrücken können und auch keinerlei Skrupel kennen, auf ein Rehkitz anzulegen. Zugleich sei die Jagd aber mehr als ein Hobby wie beispielsweise Fußballspielen: Jäger erfüllen, so Schlaich, eine wichtige, eine öffentliche Aufgabe, die ihnen auch ganz offiziell übertragen ist.

Von der unteren Jagdbehörde des Landratsamts erhalten die Jäger alljährlich die zu erfüllenden Planzahlen. Was sich bürokratisch anhört bedeutet konkret: So und so viele Tiere müssen geschossen werden, für jeden Jagdbezirk gibt es genaue Vorgaben. Erfüllen die Jäger, die die Bezirke gepachtet haben, diese nicht, so werden Berufsjäger für die Erledigung und Erlegung engagiert, die die Jäger bezahlen müssen.

Dazu kommt, dass ein Jagdpächter grundsätzlich für jeden Schaden zur Kasse gezogen werden kann, den jagdbare Tiere in seinem Bezirk anrichten – sei es, dass Bäume beschädigt oder Wiesen von Wildsauen auf der Suche nach Nahrung umgepflügt werden. Günter Müller, auch er einer der 40 Jäger des Hegerings Geislingen, der neben der Kernstadt auch Binsdorf und Erlaheim umfasst, führt im Gewann Gnagen an eine Wiese unmittelbar neben den Oberholz-Wald. Dort sind großflächig tiefe Gräben zu sehen, Spuren von Wildschweinen. Die Jagd polarisiere die Menschen, sagt Müller: "Landwirte sind froh, wenn die Jäger die Schwarzkittel erlegen, weil sie dadurch keinen Schaden erleiden. Auf der anderen Seite werden wir als Mörder beschimpft, die blindwütig Tiere erlegen." Oft bekomme er zu hören, dass die Jäger der Natur doch ihren Lauf lassen sollten – allerdings, so Müller, sei "die Natur" eine vielleicht romantische, vielleicht auch eine falsche Vorstellung: "Wir leben nicht in einer Natur-, sonder in einer Kulturlandschaft." Vor allem Wildschweine vermehrten sich exorbitant, jede Bache bringe bis zu zehn Ferkel im Jahr zur Welt. Lasse man der Natur ihren Lauf, so würden vor allem Wildschweine der Landwirtschaft noch viel größere Schäden anrichten, als sie es ohnehin schon tun.

Günter Müller hat an diesem Tag kein Gewehr bei sich, er hat eine viel wichtigere Aufgabe: Er kümmert sich um das Lagerfeuer. Mitten im Oberholz grillen die Geislinger Jäger zur Mittagszeit Würstchen, es ist zur Jagd-Halbzeit der Höhepunkt des Tages. An Bierbänken sitzen die Männer zusammen und reden. "Die jährliche Treibjagd ist vor allem ein Gemeinschaftsereignis, sagt Organisator Gerhard Schmid, und: "Der Jagderfolg steht nicht an erster Stelle. Wichtig ist die Pflege der Gemeinschaft, der Erfahrungsaustausch."

Besonders erfolgreich war der Tag in der Tat nicht – erlegt wird nach fünf sogenannten Trieben kein einziges Tier. Aber was heißt schon erfolgreich: Sie waren zusammen, die Jäger, sie haben die Natur durchstreift, sie haben die frische Luft genossen. Erfolgreich? Das Fazit von Gerhard Schmid: "Auch ohne Beute war es ein schöner Jagdtag."