
Von Annette Selter-Gehring Gechingen. Mit seinem dritten Roman "Fast genial" schaffte es Benedict Wells auf Anhieb auf Platz sechs der Spiegel-Bestseller-Liste. Damit stieg der talentierte Nachwuchsautor in die erste Riege der deutschen Literaturszene auf. Dass er trotz dieses Erfolgs zu einer Lesung in der Provinz, genauer gesagt in Gechingen, bereit war, ist nicht zuletzt Claudia Sodha und ihrem Team vom Buchcafé "Coffee Tales" in Gechingen zu verdanken.
Sodha hatte bereits vor zwei Jahren das Talent von Wells erkannt und den auch mit 28 Jahren noch als "Jungautor" Gehandelten zu einer Lesung seines Erstlings "Becks letzter Sommer" geholt. Atmosphäre, Betreuung und Publikum blieben in guter Erinnerung, und so kam Benedict Wells mit seinem neuesten Werk "Fast genial" gerne wieder. Da dieses Mal die Nachfrage deutlich größer war, siedelte das Buchcafé für die Lesung ins benachbarte evangelische Gemeindehaus über, um den mehr als 100 interessierten Lesern, die gekommen waren, Platz zu bieten.
In Anlehnung an den Titel des Buches meinte Sodha in ihrer Begrüßung: "Das Buch heißt ›Fast genial‹ und ist genial geschrieben." Leicht und flüssig kommt die Geschichte um den knapp 18-jährigen Francis, der mit seiner Mutter nach der Scheidung vom Stiefvater in einem Trailerpark lebt, daher. Griffige Figuren und eine anrührende Liebesgeschichte machen die Road-Story, die den Protagonisten von der Ostküste einmal quer durch Amerika und wieder zurück führt, lesenswert und kurzweilig. Francis ist ein Held, mit dem sich das jüngere und jung gebliebene Publikum identifizieren kann: Ein Mensch, der versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen und dabei Höhen wie Tiefen durchlebt. Über weite Strecken ist die Geschichte humorvoll und lässig, lässt aber auch in die Tiefen der Gefühle und Selbstzweifel, der Hoffnungen und Enttäuschungen der Figuren blicken.
Für Francis scheint das Leben vorgezeichnet. Ohne Geld und mit der Verantwortung für die manisch-depressive Mutter belastet, sieht er für sich keine Perspektiven. Bewegung in sein Leben kommt, als er nach einem missglückten Selbstmordversuch seiner Mutter aus deren Abschiedsbrief erfährt, dass er das Resultat eines genetischen Experiments ist. Hier liegt "Fast genial" eine reale Begebenheit zugrunde. In den 1980er-Jahren wurde in Kalifornien eine "Samenbank für Genies" gegründet. Tatsächlich sollen mit den Spermien von besonders intelligenten und erfolgreichen Spendern 217 Kinder gezeugt worden sein. In Wells Buch ist Francis eines dieser Kinder. Als er es erfährt, macht er sich gemeinsam mit seinem kauzigen Schulfreund Grover und Ann-May, einem Mädchen, das in bei einem Besuch bei der Mutter in der Psychiatrie kennen gelernt hat, auf den Weg, seinen leiblichen Vater zu suchen. Was das Trio dabei erlebt, ist berührend, erheiternd und gipfelt in einem überraschenden Finale, das, so Wells, "das einzig mögliche Ende für diese Geschichte" sei. In Gechingen gab der Autor den Zuhörern auch einen Einblick die Entstehung seines neuesten Romans, für den er selbst vor Ort recherchierte und auf den Spuren von Francis quer durch Amerika reiste.
Im Anschluss an die Lesung signierte Wells auf Wunsch seine Bücher mit einer Widmung und beantwortete die Fragen der Besucher.