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Gammertingen Gefälschte Briefe rufen zur Musterung

Alexander Kratzer, vom 06.08.2010 21:33 Uhr
Unbekannte haben in Gammertingen zu einer angeblich eigens einberufenen Musterung für den Afghanistan-Krieg aufrufen. Foto: dpa
Unbekannte haben in Gammertingen zu einer angeblich eigens einberufenen Musterung für den Afghanistan-Krieg aufrufen. Foto: dpa
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Gammertingen - Das Schreiben ist gefälscht, doch es sorgt für reichlich Turbulenzen: In der Kleinstadt Gammertingen auf der Schwäbischen Alb ist ein fingierter Brief in Umlauf gebracht worden, in dem Unbekannte zur einer angeblich städtischerseits eigens einberufenen Musterung für den Afghanistan-Krieg aufrufen.

Im Rathaus der knapp 7000 Einwohner zählenden Stadt im Kreis Sigmaringen ist man entsetzt, die Polizei ermittelt, und der Gammertinger Bürgermeister hegt bereits einen Verdacht, aus welchem Umfeld das Schreiben stammen könnte. Seit Jahren nämlich haben pazifistische Gruppen in Gammertingen Zulauf und Heimstätte.

Laut Polizei steckte am Donnerstagmorgen in den Briefkästen zahlreicher Firmen und Privatpersonen ein unfrankiertes Schreiben mit dem farbigen Briefkopf der Stadt und der eingescannten Unterschrift ihres Bürgermeisters Holger Jerg.

Darin werden die Bürger aufgefordert, sich umgehend im Rathaus zur Musterung einzufinden, um eine Einheit der Bundeswehr, mit der die Stadt Gammertingen eine Patenschaft eingegangen sei, personell zu unterstützen.

Weil angeblich viele Soldaten der Patenkompanie in Afghanistan ums Leben gekommen seien, sei die Stadt Gammertingen verpflichtet, die Bundeswehr mit neuen Soldaten zu unterstützen: "Die elf Tauglichsten der Gemusterten werden unverzüglich zu einer Schnellausbildung in die Sigmaringer Kaserne einberufen und Anfang des Jahres 2011 nach Afghanistan aufbrechen", heißt es in dem Brief. Denen, die nicht zur Musterung kommen würden, droht der Schreiber hingegen mit "polizeilichen" Maßnahmen.

Das will der Bürgermeister, der dahinter die Gammertinger Friedensgruppe "Lebenshaus Schwäbische Alb e. V." vermutet, nicht so stehen lassen. Die Friedensgruppe werbe bereits seit einiger Zeit in einer Medien- und Internetkampagne gegen die städtische Patenschaft für eine Sigmaringer Bundeswehreinheit.

Die aktuelle Aktion sei allerdings "an Geschmacklosigkeit und krimineller Absicht nicht zu übertreffen", schreibt Holger Jerg in einem offenen Brief.

Er hat jetzt wegen Amtsanmaßung und Urkundenfälschung Anzeige gegen unbekannt erstattet. Für Hinweise wurde eine Belohnung von 500 Euro ausgesetzt.

Kommentare (2)
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AUG
10
17:55 Uhr, geschrieben von Ute Finckh
Was darf Satire?
Zu den gefälschten Briefen fällt mir nur Karl Kraus ein: "Satiren, die der Zensor nicht versteht, werden mit Recht verboten." Ich wünsche dem Bürgermeister und den Bürgerinnen und Bürgern von Gammertingen ein Stückchen Gelassenheit im Umgang mit den gefälschten anonymen Briefen - mit den 500 Euro ließe sich sicher etwas Sinnvolleres machen als die Autoren einer anonymen Wurfsendung zu ermitteln.
AUG
09
22:06 Uhr, geschrieben von Antje Claaßen
Eine tückische Patenschaft
Als entschiedene Gegnerin des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan bin ich doch immer wieder erstaunt über die Reaktionen, wenn man das Kind einmal konkret beim Namen nennt. In Afghanistan herrscht Krieg und dort sterben Menschen. Sowohl Zivilisten, als auch Soldaten. Der Tod unterscheidet auch nicht zwischen Taliban und NATO . Ach ja, Taliban, das waren doch einmal die guten, unsere Freunde, die wir unterstützt und bewaffnet haben… bis die Sowjets aus Afghanistan vertrieben waren. Aber das nur am Rande bemerkt. Wir hatten es fast schon vergessen. Wenn die Stadt Gammertingen eine Patenschaft mit einer Bundeswehreinheit in Sigmaringen eingeht, die in genau diesem Land kämpft, dann ist dies eben keine Patenschaft wie mit einem SOS-Kinderdorf, dann steht sie im Zweifelsfall auch dafür ein wenn durch unsere Soldaten, die unsere Politiker in diesen Krieg geschickt haben, Menschen sterben – und das schließt auch unsere Soldaten selbst ein. Das Grundgesetz jedoch nicht, denn dies sagt ganz eindeutig, dass die Bundeswehr keine Angriffskriege führen darf, ja selbst die Vorbereitung ist strafbar. Wer sind also die tatsächlichen Straftäter? Die, die ein amtliches Dokument fälschen, um die Aufmerksamkeit auf das Sterben in Afghanistan zu lenken oder diejenigen, die unsere Soldaten für zweifelhafte Ziele - ja - auch in den Tod schicken?
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