„Future 6“ im Theaterhaus Gauthier Dance: Blicke ins Innerste

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Szene aus „Takuto“ – klicken Sie sich durch die Bildergalerie zur „Futute 6“-Premiere. Foto: Regina Brocke

Stuttgart - Eric Gauthier liebt Zahlenspiele. „Six Pack“ nannte er den ersten Auftritt seiner eigenen Kompanie, der im Januar 2008 mit sechs sehr unterschiedlichen Stücken auf der Bühne im Theaterhaus ein vergnüglicher Start gelungen war. Fünf Jahre später ist bei der nun bevorstehenden Premiere von „Future 6“ die Zahl 6 wieder im Spiel – und doch ist alles anders. Inzwischen ist Gauthier Dance nicht nur zum international beachteten Phänomen avanciert. Die Kompanie hat sich zudem dank der Förderung durch Stadt und Land zahlenmäßig verdoppelt; zwölf Tänzer stehen im Theaterhaus nun auf der Gehaltsliste.

Um Kosten und Einnahmen in gesunder Balance zu halten, ist die Kompanie zum Reisen verdammt. So viele Gastspiele wie Gauthier Dance stemmt keine andere Kompanie in Deutschland. Dass bei der Tourplanung das heimische Publikum manchmal das Nachsehen hat, lässt sich nicht vermeiden. So ist der neue Abend „Future 6“, der an diesem Freitag im Theaterhaus neben Stephan Thoss’ Tanzhit „Bolero“ fünf Uraufführungen auf die Bühne bringt, im Januar nur am Premierenwochenende in Stuttgart zu sehen. Danach ist Gauthier Dance erst mal weg: Sieben Stationen in fünf Ländern stehen auf dem Reiseplan; gleich drei verschiedene Produktionen haben Gauthiers Tänzer dabei im Gepäck. Unter anderem mit „Poppea//Poppea“ geht der Blick zurück auf die eigene Erfolgsgeschichte, bevor dann Anfang März ein ­kurzes Stuttgarter Intermezzo wieder mit „Future 6“ in die Zukunft des Tanzes blickt.

Soto kehrt nach Stuttgart zurück

Auftritte auf wichtigen internationalen Plattformen wie die Eröffnung des Festivals Grec in Barcelona im vergangenen Sommer beeindrucken auch die Choreografen-Kollegen Gauthiers. Cayetano Soto zum Beispiel. Er ist neben Jirí Bubenicek, Itzik Galili, Marco Goecke und Gauthier selbst einer derjenigen, die mit neuen Stücken für „Future 6“ dem Tanz die Zukunft weisen sollen. Die hohen Ansprüche, die sich mit einem solchen Titel verbinden, quittiert der Spanier mit einem Lachen. „Es ist natürlich schön, wenn die eigene Arbeit von anderen als wegweisend betrachtet wird“, sagt Soto, der seine Karriere in Philip Taylors Kompanie am Gärtnerplatz begann und bis heute in München lebt. „Aber ich selbst sehe das, was ich tue, viel zu kritisch.“ Wie wird man den eigenen Erwartungen gerecht? . Leidenschaften, Emotionen, Fantasie sorgen für eine atmosphärische Dichte, deren Höhepunkt vielleicht das in Zimtwolken getanzte „Canela fina“ ist, Cayetano Sotos für das Balé da Cidade de São Paulo entstandenes Erfolgsstück.

Jedes neue Ballett sei auch eine Konsequenz aus der Unzufriedenheit mit dem vorangegangenen, sagt Soto. Und gibt damit vielleicht selbst die Erklärung für die steile Karriere, die ihm gelang, seit er 2007 für das Choreografieren das Tanzen aufgab. Kurz darauf schuf er als Newcomer „Two at a Time“ für das Stuttgarter Ballett. Nun kehrt er als einer der Stars der Szene nach Stuttgart zurück. Eine unprätentiöse, ehrliche Stadt, so sagt er, in der er gerne arbeite. Überhaupt schätzt der aus Barcelona stammende Choreograf die deutsche Kulturlandschaft, ihre Einrichtungen und wie sich die Menschen darin ihrer Arbeit näherten. „Einem Südländer wie mir tut diese Disziplin gut“, so Soto.

„So viel Zukunft war nie.“

Eine Haltung, die ihn auch bei der Arbeit mit Gauthiers durch Krankheitsausfälle derzeit stark belastete Mannschaft beeindruckt hat. Mit fünf Tänzern und zwei Tänzerinnen hat er die Arbeit an „Malasangre“ begonnen. Bei der Premiere werden vier Männer und drei Frauen tanzen. „Wenn ich ein Stück mache, ist es, als ob ich mich mit einem Messer aufschlitze und mein Innerstes preisgebe“, sagt Soto. „Von Tänzern erwarte ich das nicht; diese hier haben es einfach getan.“

Das Suchen und die Suchenden haben es Soto überhaupt angetan – Menschen und Künstler, die nicht ins Konzept passen. So wie La Lupe, die Queen of Latin Soul, die er schon als Jugendlicher bewunderte und die ihn nun zu der Hommage „Malasangre“ inspiriert hat. Das spanische Wort malasangre, böses Blut, beschreibt boshafte, gemeine Menschen – meint aber nicht die kubanische Sängerin, die in New York in den 1960er Jahren Karriere machte und sich dann mit Drogen ins Aus beförderte. „La Lupe war vielleicht ihrer Zeit voraus, das Publikum hat ihr das nicht erlaubt“, skizziert Soto die Faszination dieser Persönlichkeit. Fies findet er die Ablehnung, auf die sie stieß. „Wer sind wir, dass wir uns ein Urteil über andere erlauben können?“, fragt der Choreograf mit „Malasangre“.

Eric Gauthier traut sich ein Urteil über andere zu: „Ich bin überzeugt, dass die Choreografen, die gemeinsam mit mir ,Future 6‘ kreiert haben, auch den Tanz von morgen prägen“, schreibt er im Programmheft. Und: „So viel Zukunft war nie.“ .

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