Fußball-EM Erst der Jubel, dann das Tor

Sandra Markert, 09.06.2012 09:33 Uhr

Stuttgart - Eingefädelt über den überragenden Mesut Özil passt Miroslav Klose ­präzise in die Mitte. Thomas Müller setzt zum Spurt Richtung Tor an – und die Nachbarn jubeln bereits. Obwohl die Fußballübertragung auch bei dieser Europameisterschaft live erfolgt, kommen Bild und damit auch Tore etwas zeitversetzt beim Zuschauer an. Schuld dran ist die Art des Fernsehempfangs.

Denn während 1974 beim WM-Endspiel der Deutschen gegen Holland noch das ganze Land in genau derselben Sekunde Gerd Müllers 2:1 bejubeln konnte, weil alle per Antenne analoge Rundfunksignale empfingen, gibt es heute viele verschiedene Übertragungswege: Analog und digital über ­Kabel, digital über Satellitenschüssel oder Antenne und übers Internet.

Analog ist der Empfang etwas schneller

„Analoge Technik hat einen kleinen zeitlichen Vorsprung. Anders als beim digitalen Empfang müssen die Signale nicht mehrfach umgewandelt und komprimiert werden“, sagt Johann Peter Pfeifer, Elektrotechniker und Sprecher für Informationstechnik im Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke.

So wird ein digitales Signal für Satellitenempfang erst von der Erde 36 000 Kilometer zum Satellit und wieder zurückgeschickt und dann vom Receiver zum Fernseher. „Ist der Receiver in den Fernseher eingebaut, spart das ein paar Millisekunden Zeit“, sagt Pfeifer.

So oder so müssen digitale Daten vom Rechner im Receiver erst wieder zusammengerechnet werden. „Digitale Daten werden als Nullen und Einsen in einzelnen Paketen geschickt und müssen erst wieder zu einem Bild zusammengefügt werden, analoge Daten kommen gemeinsam an.“ Vorstellen müsse man sich die Verarbeitung ähnlich wie den Versand eines Regals per Post: „Kommen die einzelnen Regalteile wie die digitalen Daten in Extrapäckchen an, kann man mit dem Zusammenbauen erst beginnen, wenn alle angekommen sind.“ Auch das sorge für eine geringe Zeitverzögerung, bis das Bild und damit das Tor dann am ­Bildschirm erscheinen.

Die Jubelunterschiede werden kleiner als bei der letzten WM

So extrem wie bei der WM 2006 in Deutschland oder auch noch bei der WM 2010 in Südafrika dürften die Jubel-Unterschiede zwischen den Nachbarn inzwischen aber nicht mehr sein. Denn seit Ende April empfangen zumindest alle Satelliten-Nutzer in Baden-Württemberg nur noch digital. Und auch beim Kabel-Empfang, den 50 Prozent der Baden-Württemberger nutzen, schauen inzwischen die meisten digital. „Zwar kann man hier am Fernsehen auch analogen Empfang einstellen, aber wegen der schlechteren Bildqualität würde ich das nicht empfehlen.“

Verpixelte Fußballer bekämen dann vor allem diejenigen zu sehen, die Özil, Klose und Müller auf einem extra-großen ­Flachbildfernseher verfolgen. Damit gutes Bild und Spannung erhalten bleiben, sperrt man den früheren Jubel der Nachbarn also am besten über ein geschlossenes Fenster aus und dreht den eigenen Ton so laut, dass er die „Tooooor“-Rufe garantiert übertönt.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen