Tübingen/Freudenstadt - Als schwarz gekleidete Männer auf dem Freudenstädter Marktplatz auf eine 13-Jährige und ihren Entführer losstürmten, glaubte das Mädchen an ein schreckliches Schicksal: Schon wieder wird sie entführt. Dabei handelte es sich um Polizisten, die sie befreiten.

Im Entführungsprozess vor dem Landgericht Tübingen wurde gestern ein Video von der Vernehmung des Mädchens gezeigt, das im Mai dieses Jahres von einem 51-Jährigen aus einem Rottenburger Teilort entführt worden war. Der Mann hatte versucht, mehrere Millionen Euro von ihrer Familie, Tübinger Unternehmern, zu erpressen. Dem Mädchen blieb durch das Video eine Aussage vor Gericht erspart. Sie schildert eine Folge von Autofahrten, bei denen sie sich unter einer Decke verbergen musste, Pausen und Stopps an Telefonzellen. Das Vorstellungsvermögen des Kindes hat in den gut zwölf Stunden der Entführung einige Kapriolen geschlagen.

Zum Beispiel bei einem Stopp in Baden-Baden, als der Entführer sie aus der Telefonzelle schickte und sie hätte weglaufen können, zwei Frauen hätten nebenan im Café gesessen. "Ich hab’ mich nicht getraut, ich dachte, er könnte dann sagen, ich sei seine Tochter und sauer werden." Beim Sturm auf den Entführer auf dem Freudenstädter Marktplatz am Abend malt sie sich schon das Schlimmste aus: "Ich dachte, das sind Leute, die mich noch mal entführen wollen." Sie habe sich überlegt, ob sie sich nun als die Tochter des 51-Jährigen ausgeben solle, ihm helfen solle, als er von den Männern auf den Boden gedrückt wurde.

"Ich steige heute in kein Auto mehr"

Schließlich hätten sie die vermeintlichen anderen Entführer schlechter behandeln können. "Als die dann gesagt haben, sie seien Polizisten, habe ich gesagt: Ich steige heute in kein Auto mehr. Ich wollte den Ausweis sehen, allerdings kenn’ ich mich da ja auch nicht so aus."

Das Mädchen wirkt intelligent, überlegt, mutig. Sie habe das Gespräch mit dem Entführer angefangen, und das, obwohl sie ihre Angst auf einer Skala von null bis zehn etwa bei sieben einstuft. Schließlich habe sie im Kofferraum ein Seil gesehen und geahnt, dass der Mann sie fesseln könnte, falls sie sich wehren würde. Im Laufe des Tages hat sie sich ein Bild des Entführers gemacht: "Man hat gemerkt, dass er so was zum ersten Mal macht, die Tat war schlecht durchdacht."

Zum Beispiel habe der Entführer zu ihr gesagt, er wohne weit entfernt von Tübingen, habe sich in der Gegend aber gut ausgekannt. Nach den Telefonaten sei er schweißgebadet ins Auto zurückgekommen, habe schnell geatmet. "Der war schon ziemlich fertig, und er hat sich entschuldigt, er hat gesagt, dass er das wirklich auch nicht will, aber dass es die letzte Möglichkeit sei, weil er total in Geldnot sei." Auf die Frage, wie es ihr nach der Tat ergangen sei, erzählt sie, sie schaue manchmal stundenlang aus dem Fenster und liege nachts wach. Der mutmaßliche Entführer wendet während der Vorführung meist den Blick von der Leinwand ab.

Bei Fragen zum Fesselmaterial und einem Schuppen, den er dem Mädchen gegenüber als mögliches Verließ erwähnt haben soll, wiegelt er ab. Das Material habe schon lange im Auto gelegen, und den Schuppen gebe es gar nicht.