Freudenstadt "Was wär‘, wenn Dr. Beer nicht wär‘?!"

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Nach dem jüdischen Arzt Carl Beer ist eine Straße benannt. Foto: Alt Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Monika Braun

Freudenstadt. "Doktor Beer ist ein gewaltiges Thema", sagt Pfarrer Ulrich Müller. Er arbeitet das Leben des jüdischen Arztes, der in Freudenstadt praktiziert hat, biografisch auf – eine Si­sy­phus­ar­beit.

Fasziniert vom jungen lebenslustigen Arzt Carl Beer hat der Pensionär sich auf die Spurensuche begeben und dabei schon etliche Archive durchstöbert und Zeitzeugen befragt. Pünktlich zum 100-jährigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg will der Baiersbronner Pfarrer an den beliebten Mediziner erinnern und sucht Zeitzeugen für sein Buchprojekt.

Bei der Arbeit an einer Dokumentation über das Gästehaus Haas und seinen etwa 180 jüdischen Gästen (1952 bis 1992), entdeckte Ulrich Müller den "roten Faden", der sich durch das Leben Carl Beers (1885 bis 1969) und seiner Frau Fanny Luise geb. Reichert (1894 bis 1964) schlängelt. In der Hoffnung, weitere Spuren des in Freudenstadt sehr beliebten jüdischen Mediziners und seiner resoluten Frau zu finden ­– die Carl-Beer-Straße erinnert an ihn – wird sein Lebensweg bis zum Ende des Ersten Weltkriegs skizziert.

"Sie müssen Dr. Beer unbedingt in die Liste unserer jüdischen Gäste aufnehmen. Er war zwar kein Gast bei uns, aber ich war Patientin bei ihm!" Diese Bitte von Emmi Haas (92) im Herbst 2013 brachte bei Müller den Stein ins Rollen. Auf der Spurensuche nach Carl Beer durchkämmte er rund 16 Archive und konnte so das Leben und Wirken des beliebten Arztes rekonstruieren. Hinzu kamen einige Zeitzeugen – "wandelnde Archive Freudenstadts", sagt Ullrich.

"Ich könnte auf jedem Bretterboden schlafen", sagte Beer einst bei einem Hausbesuch zu einem jungen Patienten. Ein Satz der für Ulrich Müller von der enormem Bescheidenheit des Arztes zeugt. Seine Mitarbeiterin in St. Elisabeth erinnert sich noch gut an seine Frau: "Frau Beer war eine sparsame schwäbische Hausfrau. Sie kaufte beim Sommerschlussverkauf in Stuttgart gleich alle Geschenke für Weihnachten ein." Die Menschen und auch die Arztkollegen in Freudenstadt waren froh, dass Carl Beer nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Freudenstadt zurückkehrte. So kam der Satz in Umlauf: "Was wär‘, wenn Dr. Beer nicht wär‘?!"

Sein Geburtsort liegt heute in Liptovský Mikuláš in der Slowakei. Dort kommt Beer 1885 zur Welt. Er wächst zusammen mit seinem jüngeren Bruder Oskar in Berlin auf. Sein Vater betreibt am Kurfürstendamm ein Geschäft mit Taschenuhren, Schmuck- und Goldwaren (Gravur S.B.B. – Samuel Beer Berlin). 1886 gründet sein Onkel, Samuel Fischer in Berlin den nach ihm benannten S. Fischer-Verlag.

Nach dem Abitur studiert Carl Beer in Berlin und Freiburg im Breisgau Medizin. In seiner Doktorarbeit befasst er sich mit Narkosemitteln. Danach packt ihn das Reisefieber: Carl Beer will Schiffsarzt werden. Vier Moante ist er auf See, bevor er nach Berlin zurückkehrt. Im September 1910 lässt sich Carl Beer in der evangelischen Nicolai-Kirche taufen. Beer will der Erhaltung des menschlichen Lebens dienen und sammelt als junger Mediziner in den renommierten Krankenhäusern und Sanatorien seiner Zeit Erfahrung.

Im September 1912 erhält er in Nordrach (nahe Oppenau) seinen ersten Arbeitsvertrag – da ziehen dunkle Wolken auf. Am 1. August 1914 erklärt Deutschland gegenüber Russland, am 2. August, gegenüber Frankreich den Krieg. Als preußischer Staatsangehöriger wird er zum Militär verpflichtet. Von 1915 bis Frühsommer 1916 ist Beer Militärarzt bei der Landsturm-Infanterie Pfungstadt. Entsetzliches muss er erleben, zuerst an der Aisne, dann von Juli bis Oktober 1916 an der Somme. Wie viele andere Militärärzte, wartet er hinter der Front auf die Opfer der Kämpfe, die in Fahrzeugen oder auf Tragbahren eintreffen.

Im November 1916 wechselt Carl Beers Sanitätseinheit zum östlichen Kriegsschauplatz. Fünf Monate ist er dort als Arzt zwischen den Flüssen Styr und Stochod im Einsatz. Ende August wird Carl Beer die Stelle eines Stabsarztes verliehen. Von Januar bis März 1918 ziehen sich die deutschen Truppen auf das nördliche Ufer der Ailette zurück. Dort erlebt Carl Beer am 19. Februar 1918 – von den physischen und psychischen Strapazen total erschöpft – seinen 33. Geburtstag.

Drei Wochen später erkrankt er in Laon an Lungentuberkulose. Über Fourmies wird er in das Reservelazarett Wiesbaden gebracht, von dort zur Lungenheilstätte Schömberg bei Neuenbürg – wegen seines Heilklimas damals die Nummer 1 unter den deutschen Sanatorien. Von dort wird er in das Lazarett Freudenstadt verlegt, wo sich sein Gesundheitszustand in den Sommermonaten 1918 zunehmend stabilisiert. In jenem Sommer entdeckt sie ihn – oder er sie? – die junge Freudenstädter Krankenschwester Fanny Reichert. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, erzählt Müller. Anfang August wird er in sein Standortlazarett Northeim versetzt. Mitte September 1918 wird Carl Beer dort beurlaubt; darauf tritt er eine Stelle als Assistenzarzt im Lazarett in Freudenstadt an. Noch im selben Jahr schließen Carl Beer und die damals 24 Jahre alte Fanny Luise Reichert den Bund fürs Leben, zunächst im Rathaus, dann in der evangelischen Stadtkirche Freudenstadt.

Wie es Carl Beer während der NS zeit erging und er noch lange iN Freudenstadt wirkte, wird nicht verraten. "Das ist dann im Buch nachzulesen", sagt Ulrich Müller

Ulrich Müller sucht für sein Buch über das Leben von Carl Beer und seiner Frau Zeitzeugen, die die beiden kannten und vielleicht sogar noch Schriftstücke oder Fotos besitzen, die in Verbindung u den Beers stehen. Für diesen Fall freut er sich über einen Anruf unter Telefon 07442/837 85 22.

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