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Freudenstadt Vor der Therapie steht zunächst Sicherheit

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Mit Jan-Ilhan Kizilhan (rechts) war es der Vorsitzenden der Kreisärzteschaft, Dorothee Müller-Müll, sowie Wilhelm Dengler, Chefarzt der Freudenstädter Klinik für Psychiatrie (links), und dem leitenden Oberarzt Alexander Menges gelungen, einen international anerkannten Experten für Taumatologie zu einem Fachvortrag nach Freudenstadt zu holen. Foto: Günther Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Waltraud Günther

Ein aktuelles Thema behandelte die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Krankenhaus Freudenstadt in Verbindung mit der Kreisärzteschaft. Es ging um "Kultursensible Diagnostik und Therapie bei Patienten nach Migration, Flucht und Trauma".

Freudenstadt. Der Vortragssaal im Krankenhaus war voll besetzt. Neben zahlreichen Ärzten der verschiedensten Fachrichtungen waren auch Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter und Vertreter der mit der Flüchtlingshilfe betrauten Vereine unter den Zuhörern. Die Ausführungen des Referenten Jan-Ilhan Kizilhan waren für manche Teilnehmer geradezu verstörend. Wurden sie doch mit den grausamen Realitäten einer Welt konfrontiert, in der universelle Menschenrechte nicht mehr gelten.

Ein weltweit anerkannter Experte

Jan-Ilhan Kizilhan, mit seiner Doppelpromotion in Psychologie und Orientalistik weltweit der Experte für die Therapie traumatisierter Migranten, wurde von der Landesregierung mit der Koordination der Aufnahme von 1000 traumatisierten jesidischen Frauen aus dem Nordirak betraut.

Kizilhan ging auf die Erlebnisse dieser misshandelten Frauen und Kinder ein: "Es sind Geschichten, die man sich nicht vorstellen kann", betonte er. Unglaublich waren seine Beschreibungen über die Brutalität, mit der Mädchen ab einem Alter von acht Jahren dort behandelt werden. Für ihn stellt daher "die Rolle der Frau eine der größten Herausforderungen des Islam" dar. "Wir leben hier im Augenblick in paradiesischen Verhältnissen", sagte der Referent. Das Flüchtlingselend reiße die Bevölkerung in Deutschland aus dieser heilen Welt. Grundlagen jeglicher Therapie von Patienten nach Migration, Flucht und Trauma sind für den Experten die Gewährleistung von Stabilisierung, Orientierung und Sicherheit. Erst danach könne die eigentliche Therapie beginnen.

Das durch Fotos untermauerte Beispiel der Bewohner eines jesidischen Dorfs im Nordirak verdeutlichte dies. Auf einem Foto war die gesamte Dorfbevölkerung bei einer fröhlichen Hochzeit im Jahr 2012 zu sehen. Drei Jahre später überfiel die IS-Miliz das Dorf. Alle Männer wurden erschossen und die alten Frauen zur Zwangsarbeit rekrutiert. Alle weiblichen Gegangenen ab acht Jahren wurden als Sexsklavinnen in alle Welt verkauft. Diese Frauen entwickelten nach den erlebten Gräueltaten massive posttraumatische Störungen. Zwangshandlungen und Selbstverstümmelungen waren nur zwei der massiven Folgen. Teilweise schaltet der Körper seine Funktionen komplett aus. Endlich in Sicherheit könnten und wollten diese Frauen zunächst nicht über die erlittene sexuelle Gewalt reden, die Verletzung und Scham sei zu groß, beschrieb Kizilhan. Er arbeitet daher mit der Psychoedukation und mit narrativen Therapiemethoden. So lässt er unter anderem die Frauen für jedes einschneidende Erlebnis, an das sie sich erinnern, eine Kugel auf einen Faden aufziehen und greift dies bei weiteren Sitzungen auf.

"Das erlittene Trauma ist Teil ihres Lebens, aber nicht das gesamte Leben", fasste der Referent das Ergebnis der Therapie zusammen. Auch bezogen auf die Klassifikation der psychischen Erkrankungen wies Kizilhan auf große Unterschiede hin. Unterschiedliche Kulturen definierten Krankheiten anders. Vergleichsstudien zeigten auch, dass es bei zahlreichen psychischen Erkrankungen große Unterschiede gibt. So habe die Schizophrenie im Herkunftsland niedrigere Werte als im Residenzland, erläuterte Jan-Ilhan-Kizilhan.

Unter diesen Vorbedingungen seien Fachdolmetscher wichtig, trotzdem würden diese im Gesundheitswesen – anders als vor Gericht – immer noch nicht finanziert, kritisierte der Experte.

Islam in einer Übergangsphase

Weniger ermutigend waren seine Antworten auf Fragen von den Zuhörern nach der Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten. Kizilhan sieht den Islam in einer kritischen Übergangsphase, in der "die Muslime ihre Werte und Maßstäbe nochmal auf den Prüfstand legen müssen". Fest steht für ihn aber, dass die universellen Menschenrechte dabei nicht verhandelbar sind. Und sicher ist er sich auch, dass man es in den nächsten drei bis vier Generationen weiterhin mit einer erheblichen Gewalt zu tun haben wird, da der IS als faschistisch ideologisierte Organisation den Koran für seine Zwecke benutze.

 
 

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