
Von Gerhard Keck Freudenstadt. In Gschwend im Schwäbisch-Fränkischen Wald ging Elisabeth Fischer zur Grundschule. Später besuchte sie ein Gymnasium in Ellwangen/Jagst. Die Diplom-Bibliothekarin und Leiterin der Freudenstädter Stadtbücherei erinnert sich mit gemischten Gefühlen an eine bestimmte Phase der Schulzeit.Eine schöne Kindheit habe sie gehabt, erzählt Elisabeth Fischer, geborene Ott. Die Familie, Vater, Mutter und drei Töchter, bewohnte das Forsthaus Hohenohl. Da es unter den damaligen Verkehrsverhältnissen schwierig war, den Kindergarten zu erreichen, verbrachte Elisabeth mit ihrem Vater, einem Förster, viel Zeit im Wald, wo sie auch hin und wieder bei den Arbeiterinnen in der Baumschule "abgestellt" wurde. Als Schulkind legte sie die zweieinhalb Kilometer zur Volksschule, wie sie damals hieß, zu Fuß zurück. Im Sommer trug sie einen Becher mit, in dem sie Heidelbeeren für die Marschverpflegung sammelte. Ein Lehrer an der Schule beeindruckte die junge Elisabeth besonders, weil er naturwissenschaftliche Zusammenhänge so anschaulich darstellen konnte, beispielsweise, wie sich die Erde um die Sonne dreht.
Am Gymnasium wehte allerdings ein rauerer Wind. Naturgemäß stiegen die Anforderungen, und irgendwann stand die Prüfung für das Kleine Latinum an. Elisabeth musste sie schaffen, weil es ihr Berufswunsch Bibliothekarin neben guten Kenntnissen in Fremdsprachen verlangte. Die Latein-Arbeitsgemeinschaft fand allerdings nachmittags statt, und die Schüler waren zu diesem Zeitpunkt nicht so recht für die Dichter und Denker der römischen Antike zu begeistern. Der Lehrer, ein gutmütiger, einfühlsamer Pädagoge, nahm darauf Rücksicht und erklärte den Eleven die Grundsätze der Erdbeerzucht, statt mit ihnen Cicero zu lesen. Weil er um die mangelhaften Lateinkenntnisse seiner Klientel wusste, gab er bei der Prüfung eine gewisse Hilfestellung in der Weise, dass er beim Vorlesen des Textes entscheidende Satzglieder besonders betonte. Auf diese Weise war eine angemessene Erfolgsquote garantiert. Auch Elisabeth erfüllte somit diese Voraussetzungen für das künftige Studium.
Mit Schaudern allerdings erinnert sie sich an einen Vorfall in der Mittelstufe. Um die 14 Jahre alt waren die Schüler der rund 30-köpfigen Klasse, zu der auch sie gehörte. Salopp gesagt, war es ein wilder, undisziplinierter Haufen, der es den Pädagogen wahrlich nicht leicht machte. Diese versuchten mit Erziehungsmaßnahmen wie Strafarbeiten und Nachsitzen die schlimmsten Auswüchse in den Griff zu bekommen, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Die Jungen, voll in der Zwangsjacke der Pubertät steckend, bewarfen einander genussvoll mit den Schulranzen. Im allgemeinen Tohuwabohu wurde eine Schülerin am Kopf getroffen. Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie verabschiedete sich für den Moment aus der Realität. Der Arzt diagnostizierte eine Gehirnerschütterung und verordnete dem Mädchen eine einwöchige Schulpause. Damit war die Sache aber noch nicht ausgestanden. Kurz darauf stand der Rektor, ein strammer Pädagoge der alten Schule, in der Klasse und schäumte: "Ihr seid alle potenzielle Mörder!", donnerte er den nun doch eingeschüchterten Pennälern entgegen, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Es dauerte eine ganze Zeit, bis sie diese Bezichtigung verarbeitet hatten. Elisabeth Fischer erinnert sich jedoch noch heute mit großem Unbehagen an diese, wie sie meint, "schlimme Entgleisung eines Erziehers".
Weitere Informationen: In unserer Serie Schulgeschichten schildern Menschen aus Freudenstadt Erlebnisse aus ihrer Schulzeit. Gerne nehmen wir Anregungen unter der Telefonnummer 07441/80 21 61 oder per E-Mail an redaktionfreudenstadt@schwarzwaelder-bote.de an.