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Freudenstadt "Nun hat sich der Kreis geschlossen"

Schwarzwälder-Bote, vom 04.09.2010 01:32 Uhr
Für Maria und Helmut Heidebrecht ist Heimat nicht nur ein Ort: "Heimat sind auch immer die uns nahen Menschen." 
Foto: Kuhnert Foto: Schwarzwälder-Bote
Für Maria und Helmut Heidebrecht ist Heimat nicht nur ein Ort: "Heimat sind auch immer die uns nahen Menschen." Foto: Kuhnert Foto: Schwarzwälder-Bote

Freudenstadt/Loßburg. Maria und Helmut Heidebrecht kamen 1989 als eine der ersten Aussiedler der damaligen Sowjetunion nach Freudenstadt. Maria Heidebrecht ist Englischlehrerin, Helmut Heidebrecht (69) Deutschlehrer.Seit 20 Jahren leben sie in Loßburg. Maria Heidebrecht ist Mitarbeiterin im Freudenstädter Stadtarchiv. Mit dem Wort Heimat geht das Ehepaar sehr sorgsam um. Was bedeutet für Sie Heimat? Maria Heidebrecht: Unsere historische Heimat ist Deutschland. Aber vor etwa 200 Jahren sind unsere Vorfahren auf der Suche nach einem Ausweg aus der damaligen Misere nach Russland ausgewandert. Und so wurden wir Russlanddeutsche ein Volk auf dem Weg. Nun hat sich der Kreis geschlossen. Heimat ist für uns nicht nur ein Ort, Heimat sind auch immer die uns nahen Menschen. Helmut Heidebrecht: In Russland waren wir im tiefsten Inneren immer Fremde, haben nie richtig dazugehört. Ob wir heute dazu gehören? Eine eindeutige Antwort habe ich nicht. Es war ein langer Weg für Sie in die "historische Heimat". Helmut Heidebrecht: Ja, ein sehr langer Weg. Wir beide sind in der Ukraine als Deutsche geboren, wurden 1943 durch die Wehrmacht nach Deutschland deportiert, hier eingebürgert. Aber im Herbst 1945 verfrachtete uns die Rote Armee in Viehwaggons und brachte uns an unserem Geburtsort vorbei in den hohen Norden Russlands, genauer gesagt nach Sibirien. Dort wurden wir unter Sonderaufsicht gestellt, die erst drei Jahre nach dem Tod Stalins 1956 aufgehoben wurde. Beide Familien siedelten zu Verwandten nach Kasachstan um, wo die klimatischen Bedingungen etwas besser waren und es viel Arbeit gab. In Kasachstan lebten etwa zwei Millionen Russlanddeutsche. Dort haben wir uns beim Studium kennen gelernt. Und wie ging es weiter? Helmut Heidebrecht: Meine Frau hat Englisch unterrichtet. Ich durfte an der Pädagogischen Fachschule bei Karaganda eine deutsche Abteilung gründen, die deutsche Muttersprachelehrer ausbildete. Später zogen wir nach Zelinograd, wo meine Frau in einer Bibliothek und ich in der Redaktion der deutschsprachigen Zeitung "Freundschaft" arbeiteten. Dann kam Michail Gorbatschow? Helmut Heidebrecht: Ja, und mit dem Generalsekretär die Möglichkeit der Rückkehr nach Deutschland als Familienzusammenführung. Wir hatten ja hier mehrere Verwandte. Bei der Ausreise ging es uns in erster Linie um die Zukunft unserer Kinder. Die sollten deutsch bleiben und sich nicht ihrer nationalen Zugehörigkeit schämen. Wie ging die Ausreise vor sich? Maria Heidebrecht: Das war mit vielen bürokratischen Hürden verbunden. Als wir endlich unsere Ausreisepapiere hatten, mussten wir alles, alles zurücklassen, selbst die Originale unserer Geburtsurkunden. Ab nun waren wir auf uns allein gestellt: Mein Mann und ich, seine damals 77-jährige Mutter und unsere drei Kinder, damals 13, 17 und 23 Jahre alt. Die russischen Schikanen und damit die ständige Angst dauerten bis zur allerletzten Passkontrolle vor der Treppe zum Flugzeug. Erst dann hatten wir das Gefühl: "Jetzt sind wir frei!"Helmut Heidebrecht: Wir hatten hier das Glück auf viele gute und hilfsbereite Menschen zu treffen, die uns wirklich sehr geholfen haben. Sie fanden Arbeit und Wohnung? Helmut Heidebrecht: Meine Frau fand etwas später eine Anstellung im Stadtarchiv Freudenstadt, ich sehr rasch zunächst als Deutschlehrer an der Volkshochschule und danach als Therapeut in der Suchtklinik in Loßburg. Und im Mai 1990 konnten wir endlich aus dem Hotel Waldhorn auf dem Kniebis nach Loßburg umziehen. Haben Sie manchmal Sehnsucht nach Ihrer "alten Heimat"? Maria Heidebrecht: Nein! Helmut Heidebrecht: Russland war nie unsere Heimat, und jetzt haben wir auch niemanden mehr da. Bis auf die Gräber unserer Eltern, die wir irgendwann einmal besuchen möchten. Sie sind inzwischen beide im Ruhestand? Helmut Heidebrecht: Ja. Wir leben sehr gerne hier. Haben gute Nachbarn und viele befreundete Familien. Wir können uns an der wunderschönen Natur nicht satt sehen nach der ausgebrannten Steppe Kasachstans und wandern viel im Wald. Unsere Kinder haben ihr Studium abgeschlossen, haben Familien gegründet, haben Arbeit. Wir sind sehr zufrieden. Vielleicht ist das alles zusammen Heimat? u Die Fragen stellte Hannes Kuhnert.

Kommentare (1)
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SEP
10
15:01 Uhr, geschrieben von Wilhelm Wenniges
"Nun hat sich der Kreis geschlossen"
mit großer Freude habe ich den Artikel gelesen.sehr positiv und als Anregung zur Freude aller "Sibiriendeutschen". Wenn Sie, liebe Fam. Heidebrecht mal Kasachstan besuchen, geben Sie mir Bescheid. Ich bin demnächst Frührentner (Tierarzt im öff. Dienst) und lade Sie ins schöne Rheinland ein. Ich wollte schon immer mal mit der Transsib reisen bis Wladiwostock oder "soweit die "Räder" tragen.
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