Freudenstadt - Treibt sie die Sorge vor einer Eskalation? Der Streit um den Nationalpark Nordschwarzwald ruft jetzt sogar die evangelischen Landeskirchen auf den Plan. In einer gemeinsamen Erklärung fordern sie dazu auf, die Diskussion "fair und respektvoll" zu führen.

"Mit großer Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass manche Kritiker im Umgang mit Andersdenkenden eine zunehmend unangemessene Schärfe bis hin zu persönlichen Anfeindungen praktizieren", schreiben die Landesbischöfe von Württemberg und Baden, Frank Otfried July und Ulrich Fischer, gestern in einer gemeinsamen Erklärung.

Einen konkreten Anlass nennen die Bischöfe allerdings nicht. Vor Ort indes registrieren viele Beobachter, dass nach einer vermeintlichen Phase der Beruhigung der Auseinandersetzung die Kontroversen wieder schärfer werden. Ein Stück weit liegt dies wohl in der Natur der Sache: Befürworter wie Gegner haben inzwischen öffentlichkeitswirksam ihre Positionen verdeutlicht, die Nervosität vor Bekanntgabe der Gutachten steigt, manche befürchten, wichtige Vorentscheidungen seien bereits gefallen.

Auch im Internet prallen die Positionen aufeinander. Dort ist dann schon mal schroff von "grüner Gesinnungs- und Bevormundungsdiktatur" die Rede. Und auf Youtube tauchen Cartoons über "die vier bösen Buben hinter den Kulissen auf: Kretschi, Bondi, Möhrli und Co", in denen der Ministerpräsident, sein Agrarminister sowie ein örtlicher Gastronom verballhornt werden. Auf der anderen Seite werden auf Facebook-Seiten die Nationalparkgegner gern auch mal als holznutzungsgesteuerte Minderheit bezeichnet.

Fortgesetzt wird freilich auch die Reihe von Informationsveranstaltungen: so gestern Abend mit der CDU-Landtagsfraktion in Baiersbronn, heute in Rust, wo es unter anderem um touristische Aspekte gehen soll oder beim "Forum der Vernunft" von Nationalparkgegner am Samstag wiederum in Baiersbronn.

Anregung zur Einmischung der evangelischen Kirche gaben die kirchlichen Umweltbeiräte aus Württemberg und Baden, die die Entwicklung der Nationalparkdebatte genau beobachtet haben, so der Sprecher der Landeskirche, Oliver Hoesch: "Wir haben festgestellt, dass die Diskussion schärfer wird", sagt er und weist darauf hin, dass die Landeskirche durch diese Erklärung keinerlei Position zum Nationalparkprojekt beziehen will, sondern lediglich zum Umgang von Projektgegnern und -befürwortern untereinander.

Der liegt auch dem Freudenstädter Dekan Werner Trick am Herzen: "Ich kann die Aufforderung der Bischöfe unterschreiben", sagt er und wünscht sich eine sachliche Abwägung der Argumente. "Wir müssen auch Personen schätzen und respektieren, die eine andere Position vertreten", so Trick.

Pfarrer Wolfgang Sönning arbeitet in Baiersbronn-Mitteltal, im Epizentren der Nationalparkdiskussion. Auch er hält den Aufruf der Landeskirche für wichtig: "Viele haben den Eindruck, dass hier weder fair noch respektvoll diskutiert wird", sagt er. Das Problem, so Sönnings persönliche Meinung, sei nicht der Nationalpark, sondern eine Stellvertreterdiskussion, die derzeit geführt werde. "Wir haben ein Strukturproblem im ländlichen Raum", sagt er, und die eigentliche Frage laute: "Was wird aus dem Nordschwarzwald?".

Einbindung der Öffentlichkeit wird gelobt

Der Nationalpark, so Sönning weiter, könnte daher dem politischen Frust und den wirtschaftlichen Ängsten der Leute in der Region zum Opfer fallen. Für seine Gemeinde wünscht er sich, dass der Appell der Bischöfe ernst genommen wird und die Nationalparkgegner mit den Befürwortern ins Gespräch kommen.

Ausdrücklich gelobt wird in der Erklärung der Bischöfe die Öffentlichkeitseinbindung der Landesregierung: "Wir nehmen wahr, dass die Landesregierung durch einen breit angelegten Partizipationsprozess den Menschen der Region die Diskussion um einen Nationalpark in allen Facetten ermöglicht hat", schreiben sie in ihrer Erklärung. Das habe insgesamt zu einer "Versachlichung in der Auseinandersetzung um das Projekt" beigetragen, so die Einschätzung der Bischöfe.

Die wird vor allem mit Blick auf das Gutachten zum Nationalpark vonnöten sein. Im April soll es der Öffentlichkeit vorgestellt werden, und dann, so die Forderung der Bischöfe, "bitten wir im Namen der evangelischen Landeskirchen alle Betroffenen, besonnen zu agieren, um der Region eine gemeinsam getragene Entwicklung zu ermöglichen".