Freudenstadt - "An eine drogenfreie Schule glaube ich nicht", sagt Kriminalhauptkommissar Waldemar Finkbeiner und zerstört mit diesem einen Satz die schöne Illusion der idyllischen Kleinstadt Freudenstadt, deren Jugend nie auf schiefen Wegen wandelt.Die Nachfrage nach Drogen – im Bereich der Jugendlichen vor allem Gras, also Marihuana – sei riesig, so Finkbeiner. Aber auch Speed oder Ecstasy sei in Freudenstadt im Umlauf. Über soziale Netzwerke erfahren die Jugendlichen, wer Drogen anbietet, und arrangieren einen Treffpunkt. Der Schulhof bietet sich da an, dort ist man ja täglich. Zum Alter der Jugendlichen erklärt Finkbeiner: Bis etwa zur siebten Klasse seien Schüler noch bestrebt, gute Noten zu schreiben. Danach beginne die Phase, in der alles Verbotene besonders reizvoll erscheint. Man will cool sein – und greift zu, wenn einem ein Joint angeboten wird. Und da ist sie: die erste Drogenerfahrung.

Viele Schüler belassen es dabei, sind zufrieden, dass sie das mal "ausprobiert" haben. Den Schulhof sieht Finkbeiner nicht als zentralen Drogenumschlagsplatz. Da fallen ihm in Freudenstadt ganz andere Plätze ein, zum Beispiel der Stadtbahnhof. Den bezeichnet er als "Brennpunkt der Perspektivlosen". Davon sind die Schulen weit entfernt, aber ab und zu geht es auch dort rund. Im vergangenen Jahr kamen Finkbeiner und seine Kollegen sechs Jugendlichen um die 14 Jahre auf die Spur, die an ihrer Schule Cannabis verkauften. Als beim Elternabend Gerüchte über Drogenhandel an der Schule aufkamen, schaltete die Schulleitung sofort die Polizei ein. Finkbeiner findet das richtig: "Je früher man tätig wird, desto besser", sagt er. "Das ist meiner Meinung nach die beste Prävention". Für vier der sechs Jugendlichen endete der Handel mit Drogen mit einem Schulausschluss. Auch diese Entscheidung der Schulleitung lobt Finkbeiner. Schulausschlüsse hätten eine "Wahnsinns-Außenwirkung". Dem Kriminalbeamten geht es nicht um das Abstrafen der Schüler – es geht ihm darum, andere Schüler vom Drogenkonsum abzubringen. "Es ist traurig, wenn man das sieht, wie junge Leute ihr Leben wegwerfen."

Wer erwischt wird, muss an einer Suchtprophylaxe teilnehmen. So auch die sechs Jugendlichen, die an ihrer Schule Drogen verkauften. Die gute Nachricht: "Von den sechs ist maximal einer dabei, der vielleicht wieder auftaucht", ist sich Finkbeiner sicher. "Wieder auftauchen" heißt, erneut wegen Drogenhandels in seinem Büro zu landen. Überhaupt sei der Vorfall an der Schule ein Härtefall und nicht die Regel. Im letzten Jahr habe es etwa zwei oder drei Vorfälle mit Drogen an Schulen gegeben, erinnert sich Finkbeiner.

Ist das jetzt normal für eine Stadt wie Freudenstadt oder ist das viel oder wenig? Da muss es doch Zahlen geben, die eine Vergleichsmöglichkeit bieten. Gibt es, meint der Kriminalbeamte, sagt aber gleich dazu, dass er von denen nicht viel hält. Je intensiver sich die Kriminalpolizei auf Drogendelikte konzentriere, umso mehr decke sie auf und umso höher stiegen die Zahlen. Konzentriere sich die Kripo auf andere Schwerpunkte, sinke die Zahl der Drogendelikte – was nicht heißt, dass tatsächlich auch weniger Drogen im Umlauf sind.

Auf Finkbeiners Schreibtisch liegt eine ganze Sammlung an konfiszierten Drogen: kleine Plastiktütchen voller Marihuana, Haschischplatten und eine Unmenge kleiner bunter Tütchen – "Legal Highs". Die harmlos aussehenden Päckchen gibt es im Internet und teilweise in kleinen Läden zu kaufen. Sie enthalten beispielsweise künstliche Alternativen zu Cannabis. Allerdings ist die Wirkung stärker – und die Stoffe sind noch viel gefährlicher. Finkbeiner erzählt von mehreren Konsumenten, die einen Herzstillstand erlitten. Wirklich legal sind die kleinen bunten Tütchen nur so lange, bis nachgewiesen werden kann, welche Bestandteile sie enthalten und ob diese unter das Arzneimittelgesetz fallen.

Finkbeiner erklärt schlicht: "Wer an Drogen rankommen will, kommt ran". Auch in Freudenstadt.