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Freudenstadt Kritik an neuem Organspendegesetz

Alexander Gossweiler, vom 07.09.2010 06:52 Uhr
Organspendeausweis oder Widerspruchsregelung? Ein umstrittenes Thema wird heiß diskutiert. Foto: Archiv
Organspendeausweis oder Widerspruchsregelung? Ein umstrittenes Thema wird heiß diskutiert. Foto: Archiv

Kreis Freudenstadt - Die Organtransplantationen in Deutschland nehmen merklich ab. Die Warteliste für Spenderorgane ist lang. In Berlin werden daher verschiedene Lösungsvorschläge zur Steigerung der Transplantationsbereitschaft heiß diskutiert, so auch die Widerspruchsregelgung. Doch wie wird auf regionaler Ebene über das Thema gedacht? Der Schwarzwälder Bote hat nachgefragt.

Viele Lokalpolitiker im Kreis Freudenstadt sehen das Problem mangelnder Spenderorgane nicht bei der Gesetzgebung, sondern bei der mangelnden Aufklärung in der Bevölkerung. Klaas Klaassen, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler Vereinigung im Kreisrat, äußert sich kritisch zur Widerspruchsregelung. Damit "überfahre" man den Patienten und seine Angehörigen. Vielmehr solle man jeden dazu anregen, eine Entscheidung zum Verbleib seiner Organe zu treffen, so Klaassen. Ihm sei wichtig, dass man die Möglichkeit hat, jederzeit seine Meinung ändern zu können. Auch Reiner Ullrich, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag, ist der Meinung, dass man von der Widerspruchsregelung lieber Abstand nehmen sollte. Der Spender sollte auf jeden Fall zu Lebzeiten eine positive Einwilligung gegeben haben.

Hornberger: Unglückliche Widerspruchsregelung

"Im Bezug auf christliche Werte sollte sich jeder Mensch einmal über das Thema Organspende Gedanken machen", meint Heinz Hornberger, Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag. Allerdings halte er die Widerspruchsregelung zwar für theoretisch machbar, aber unglücklich. Wie er aus eigener Erfahrung wisse, sei es sehr schwierig, nach dem Tod eines Angehörigen über den Verbleib der Organe zu entscheiden.

Für ihn sei nicht die Bereitschaft der Bevölkerung ein Problem, die nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung außerordentlich hoch sei, sondern die Kommunikation zwischen Ärzten und Betroffenen. Es sei wichtig, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten und hierbei auch die Städte und Gemeinden einzubinden. Auch sollte man den Organspendeausweis – nach englischem Modell – in den Lehrplan aufnehmen, so Hornberger.

Fischer: Viele Menschen haben Angst

Michael Fischer von den Grünen im Kreistag ist der Meinung, dass die Widerspruchsregelung vollkommen am Thema vorbeigehe. Viele Leute, mit denen er in seinem Beruf als Arzt über das Thema Organspende spreche, hätten Angst, sofort nach ihrem Ableben "ausgeweidet" zu werden. Für ihn sei es daher sehr wichtig, die Menschen ausreichend aufzuklären, so Fischer.

Europaabgeordneter und Kreistagsmitglied Michael Theurer, FDP, betont, dass sicher gestellt werden müsse, dass mit den Spendern kein Missbrauch getrieben werde. Die Widerspruchsregelung bringe mehr Schaden als Nutzen. "Es ist wichtig, dass die Bevölkerung über alle Chancen, aber auch über alle Risiken einer Organspende informiert wird", betont der Europaabgeordnete.

Brigitte Callies, Transplantationsbeauftragte der Krankenhäuser des Landkreises Freudenstadt gGmbH, hingegen sieht die Widerspruchsregelung als machbar an. Allerdings sollte man die Bevölkerung darüber ausreichend aufklären, so Callies. Ohne Kenntnisse der Gesetzeslage würden die Menschen gegebenenfalls vor vollendete Tatsachen gestellt. Das jedenfalls sei die Erfahrung in Ländern wie Spanien und Österreich, in denen es schon solche Regelungen gibt.

Widerspruchsregelung: Ärzte können Hirntoten Organe entnehmen, wenn diese zu Lebzeiten einer Organspende nicht widersprochen haben. Diese Regelung gilt unter anderem in Luxemburg, Österreich und Spanien. In Deutschland allerdings muss ein Patient zu Lebzeiten einer Organspende ausdrücklich zustimmen.

Kommentare (1)
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SEP
07
07:17 Uhr, geschrieben von Lothar
Organspende
Mir scheint die Sichtweise der Lokalpolitik (bundesweit) eher geprägt zu sein von den jeweiligen aktuellen Geschehnissen an ihrem Ort. Insoweit ist in Deutschland so etwas wie lokalpolitischer Populismus festzustellen. Diese Entwicklung sehe ich mit Sorge und zwar im Interesse der Menschen, die krank sind und nur durch ein neues Organ weiter leben können. Ich habe das Glück gehabt ein sehr gutes Organ zu erhalten (Lunge) und kann heute praktisch ohne jegliche Einschränkungen leben. Allerdings sehe ich auf vielen Vorträgen und in diversen TV-Auftritten immer wieder die Angst der Menschen vor einem Punkt, den sie nicht verstehen können: den Hirntod. Häufig treten in diesen Veranstaltungen auch Lokalpolitiker auf und versuchen weit jenseits jeglicher Fach- und Sachkenntnis den Menschen die "glücklich oder seligmachenden Wege" zu verkaufen. Ein Politiker, gleich auf welcher Ebene, der ein Krankenhaus nur zu einer Eröffnung oder Einweihung gesehen hat, sollte besser seinen Mund zu solchen Empfehlungen halten. Dies gebietet eigentlich schon der Respekt vor den rund 13.000 Menschen in Deutschland, die dringend auf ein Organ warten. Solche Politiker sind keine Anwälte der Interessen ihrer Bürger - und noch weniger die der kranken Menschen.
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