Freudenstadt Fasnet ohne Alkohol ist undenkbar

Cassandra Lajko, 07.02.2013 06:00 Uhr

Kreis Freudenstadt - Heute geht es rund: Am Schmotzigen stürmen die Narren die Rathäuser und nehmen das Ruder in die Hand. Das wird natürlich gefeiert. Der Haken an der Sache: Mancher denkt bei Fasnet mehr an ein fröhliches Saufgelage denn an die dahinterstehende Tradition.

"Fasnet ohne Alkohol ist für viele Jugendliche undenkbar", sagt Rüdiger Holderried von der mobilen Jugendarbeit in Freudenstadt. Und ergänzt sofort, dass das auch auf viele, besonders junge Erwachsene zutreffe. Fasnet wird also eher als Gelegenheit zum Feiern gesehen, denn als altes Brauchtum. "Da geht’s ums Feiern", sagt Holderried. Allerdings betreffe dies die Erwachsenen genauso wie Jugendliche.

Fotostrecke2 Fotos

Um die kümmert er sich aber, wenn sie es beim Fasnetfeiern – oder zu anderen Anlässen – definitiv übertrieben haben und mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen. Im Rahmen des Projekts HaLt (Hart am Limit) besucht Holderried Jugendliche im Krankenhaus und redet mit ihnen – sofern sie das wollen. Über die Fasnet sei da meistens ein Anstieg zu verzeichnen, erzählt der 34-Jährige. In diesem Jahr sei es bisher allerdings ruhig geblieben.

Insgesamt sei die Zahl der Jugendlichen, die wegen Verdachts auf eine Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, in den vergangenen Jahren rückläufig, erklärt Holderried. 2012 waren es 45 eingelieferte Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren. Früher seien es mehr Jungs gewesen, die wegen zu viel Alkohol im Krankenhaus landen. Inzwischen holten die Mädels auf, erklärt Holderried. Insgesamt sei aber die Gesellschaft im Bezug auf das Thema Alkohol aufmerksamer geworden. Man reagiere jetzt schneller als früher.

Holderried wünscht sich allerdings noch einen viel weitergehenden Wandel in der Gesellschaft. "Mein Job ist es, Jugendliche zu beschützen", sagt er schlicht. "Die kriegen ja auch was vorgelebt", erklärt der Jugendarbeiter und bezieht sich damit auf die Erwachsenen, die in regelmäßigem Kontakt zu Jugendlichen stehen. Diese hätten die Chance, auf die Jugendlichen einzuwirken – indem sie zum Beispiel keinen Alkohol mit ihnen trinken, sondern einfach auf antialkoholische Getränke zurückgreifen. "Das ist ein großer Wunsch, ich weiß", seufzt Holderried. Dass Fasnetsfeiern immer wieder von Alkoholgelagen und damit verbundenen Schlägereien überschattet werden, findet er schade. Die Horber Straßenfasnet zum Beispiel sei etwas wirklich Tolles, schwärmt Holderried – wenn da nicht die sporadischen Prügeleien wären. "Ohne Alkohol geb’s nicht so viele Schlägereien", ist sich Holderried sicher. Alkohol enthemmt.

Das gilt natürlich nicht nur während der Fasnet. Richtige Schwerpunkte im Jahr, an denen Jugendliche besonders viel Trinken, kann Holderried aber nicht ausmachen. Allerdings weist er gleich auf die hohe Dunkelziffer hin, immerhin erfahre er nur von den Jugendlichen, die sich nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus über HaLt an ihn wenden.

Ereignisse im Jahr, an denen immer viel passieren könnte, seien das Freudenstädter Stadtfest, das Mini-Rock-Festival in Horb oder große Spiele während der Fußball-WM. Das Spannende sei, dass an diesen Terminen aber eben nicht unbedingt etwas passieren müsse. Übermäßiger Alkoholgenuss scheint sich an keine festen Termine im Jahr zu halten.

Der Schmotzige bietet sich aber schon an für das ein oder andere Gläschen. In Freudenstadt sei der Schmotzige schon ein Grund zum Trinken, findet Holderried.

 
 
Kommentare (3)
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
FEB
08
Rainer Ballico, 03:27 Uhr

hm.... man kann es auch übertreiben

Titel ist Thema..... man kann es auch übertreiben. Sowohl in die eine, wie auch in die andere Richtung. Ich halte es für falsch, gerade in der Faasnetszeit weiterreichende Beobachtungen bzw. Bestrafungen Betrunkener, als sie im StgB bereits vorgesehen sind, einzuführen. Ja, es stört mich auch, von betrunkenen Leuten angepöbelt zu werden. Nur passiert das auch ausserhalb von Fastnacht, Fussball und Zugfahren. Aber dann ist keine Polizei da. Somit verdürrt der eigentlich gute Gedanke zu einem Dörrkraut mit dem Nebengeschmack von Diktatur.

FEB
07
Schwarzwälder, 19:57 Uhr

@ Tobias Haid

Netter Kommentar. Nächstes Jahr feiern wir den Wasen und das Oktoberfest gemeinsam bei Mineralwasser. Das blaue Kreuz und die Heilsarmee machen die Bühnenshow. :-).

FEB
07
Tobias Haid, 13:42 Uhr

Kulturgut ist nicht gut

All die Jahre wieder, Weihnachten, Ostern und die liebe Berichterstattung - nein besser Panikmache vor den Alkoholleichen an Fasnacht. Alkohol, eine Gesellschaftsdroge und gleichzeitig die letzte legale Droge unserer Zeit. Nachdem das Rauchen nun endgültig von unserer Gesellschaft befreit wurde geht es also um die letzte Bastion des sich berauschen lassen. Spaßbremse für die einen, wichtiger Mahner für die anderen. Dennoch sollte man nicht übertreiben 45 Jugendliche bedeuten, dass solche Vorfälle weniger als einmal in der Woche vorkommen. Dies in einem Breich von Baiersbronn, Loßburg, Seewald, Glatten und Alpirsbach. Wenn Herr Holderried selbst sagt, man könne es nicht an einer Veranstaltung oder einem Fest fest machen scheint es doch eher so zu sein, dass man nicht von einem festen Ritual des sich 'bewusstlos saufens' reden kann. Damit also auch kein Problem der Fasnet! An festen wird gefeiert, wo gefeiert wird, wird getrunken. Überall - in ganz Europa und dies auch schon mehrere Jahrhunderte. Der Fassanstisch des Bürgermeisters wird bejubelt. Die Treffen von jugendlichen Biertrinkern unserer Stadt als saufgelage abgetan. Wir sollten daran denken, wie wir waren in unserer Jugend und ob es uns dieses Verhalten mehr geschadet hat oder nicht.