
|
|
Bild 1 von 13 |
|
Stuttgart - Die Kamera ist sein Auge. Und sein Mund. Durch sie sieht er. Mit ihr erzählt er. In Bildern berichtete Hamideddine Bouali (51) von der Revolution in seiner Heimat Tunesien. Seine Fotos vom Aufbegehren gegen den Diktator Ben Ali haben sich eingeprägt. Und sind nun in Stuttgart im Rathaus zu sehen.
Hamideddine Bouali ist nicht da. Wir wollten uns um 12 Uhr am Rathaus treffen und mit ihm über seine Fotos sprechen. Doch Bouali fehlt. "Er muss gleich kommen, ich habe ihn auf der Königstraße verloren, er wollte noch fotografieren", sagt sein Gastgeber Housem Ben Abderrahman. Der Fellbacher stammt aus Tunesien, arbeitet im Vertrieb einer Informatikfirma, engagiert sich im Verein der tunesischen Akademiker und ist unser Dolmetscher. Zu übersetzen hat er vorerst nichts, denn Bouali fotografiert. Mittlerweile kniet er auf dem Marktplatz und bildet die Beamten ab, die aus dem Rathaus eilen. Eine Kappe hat er auf dem Kopf, eine filterlose Kippe klemmt im Mundwinkel, mit einem Auge blickt er durch den Sucher seiner Nikon.
Tunesien gehört mir, gehört dir, gehört allen
"Jeder Tag, an dem ich fotografieren kann, ist ein guter Tag", sagt er, als wir schließlich im Rathaus sitzen und er seine Kamera auf den Tisch vor sich gelegt hat. So gesehen war auch der 14. Januar 2011 ein guter Tag. In seiner Heimatstadt Tunis stand Bouali damals vor dem Innenministerium. Als Zeuge "eines historischen Tags". Tausende Demonstranten hatten sich versammelt, skandierten "Nein zu Ben Ali!" Sie wollten auf den Gehweg vor dem Innenministerium. "Das war aber immer die rote Linie", sagt Bouali, "wer den Bordstein betrat, wurde erschossen." Doch die Menschen hatten keine Angst mehr, sie versuchten, das Gebäude zu stürmen. Die Polizei knüppelte die Menschen nieder, Tränengas wabberte, Demonstranten berichteten von Schüssen. Bouali fotografierte mit seiner kleinen, unauffälligen Lumix. Dann eilte er heim, stellte die Bilder auf seinen Blog und auf seine Seite im sozialen Netzwerk Facebook. Über das Internet verbreiteten sie sich und kündeten vom Mut der Tunesier.
Und von Boualis Mut. Noch war Ben Ali im Amt. Seine Geheimpolizei war gefürchtet, regelmäßig hatte sie Bouali zum Verhör zitiert, ihm gedroht, er solle nur das "schöne Tunesien" zeigen. In seinem 2010 gegründeten Fotoclub saßen Spitzel, man machte ihm deutlich: Wir wissen, wer du bist! Wir wissen, was du tust! Bouali organisiert Kulturveranstaltungen für die Stadt, ist Dozent für Fotografie an der Kunsthochschule. Bei der Arbeit und im Privaten galt immer eine Regel: Rede nicht über Politik! Auch Ben Abderrahman weiß das. Wenn er die Familie besuchte, "horchte einen der Taxifahrer aus, und die Freunde lenkten bei Gesprächen über Politik ab und sagten: Lass uns über Fußball sprechen!" Wer kritisierte, wer aufbegehrte, wurde gefoltert, umgebracht oder verrottete im Kerker. Bouali wusste, welches Risiko er einging, als er die Bilder ins Internet stellte. Doch am Ende des Tages flüchtete Ben Ali.
Bouali fotografiert Tag und Nacht. Auch am 19. Februar. "Es war eine Demonstration für ein säkulares Tunesien. Da war diese junge Frau, schön, selbstbewusst. Sie stand nur einen Meter von mir entfernt, furchtlos und wütend, sie riss ihre Hände mit unserer roten Flagge in die Luft, auf ihrem T-Shirt stand rot auf weiß: Tunesien gehört mir, gehört dir, gehört allen: egal ob religiös, ob jemand Schleier trägt oder Minirock." Das Bild dieser jungen Frau wird das Bild der tunesischen Revolution.
Bilder können lügen
Wobei Bouali selbst solche Lobhudelei nicht mag. "Sagen Bilder die Wahrheit?", fragt er. Kürzlich sei er an der Grenze zu Lybien gewesen. Dort leben 70.000 Flüchtlinge in einem Lager. "Ich habe einen Kindergeburtstag fotografiert", sagt er, "alle waren fröhlich und lachten. Aber ist das die Wahrheit?" Oder zeige die Wahrheit nicht vielmehr die Fotos von 3000 Flüchtlingen, die keine Zelte haben und im Matsch übernachten mussten? Und er verweist auf das Foto eiens Kollegen. Darauf ist ein Tunesier zu sehen, der ein Baguette wie ein Gewehr an der Hüfte hält und auf Soldaten zielt. "Dafür gab es viele Preise", sagt Bouali, "überall wurde es als der verzweifelte Versuch eines Mannes interpretiert, die Armee aufzuhalten." Aber er kenne den Mann, der sei obdachlos "und war stinkbesoffen. Der ahmte einfach die Soldaten nach".
Bilder können lügen. Mit ihnen macht man Stimmung. Und sammelt Stimmen. Deshalb fotografiert Bouali am liebsten "das tägliche Leben". Für ihn muss es nicht um Leben und Tod gehen. Er braucht das nicht. Auch wenn er funktioniert hat wie ein Automat. "Ich habe die Bilder als Fotograf gemacht und nicht als Tunesier. Sonst wären zu viele Emotionen dabei gewesen. Ein Chirurg kann ja auch nicht operieren, wenn Gefühle im Spiel sind." Aber hinterher sei er fix und fertig, "ganz leer, dann kommt alles hoch, und ich muss weinen".
Jetzt hat er genug über sich geredet, er will wieder seine Kamera sprechen lassen. Er will Bilder machen von "dieser ruhigen Stadt", die ihm viel besser gefalle als das "aufgeregte Paris". Er zündet sich eine Kippe an, schiebt sie in den Mundwinkel, zurrt die Kappe fest und marschiert auf den Marktplatz. Die Kamera vor dem Auge. Und fotografiert und fotografiert.
Die Ausstellung im dritten Stock des Rathauses ist noch bis 3. Februar zu sehen.
Ort lebendiger Kultur: Die Wagenhallen-Macher bespielen die ehemalige Stadtbücherei in Stuttgart.
Wandern Schwarzwald |
Mountain-Bike Schwarzwald |
Radfahren Schwarzwald |
Winter Touren Schwarzwald/ Schwäb. Alb |